Die Kunst darf alles. Mehr noch: Sie muss alles dürfen können. Kunst braucht besondere Freiräume, in denen auch religiöse, sexuelle und ästhetische Tabus gebrochen werden können. Und zwar gerade dann, wenn es weh tut.
Konkret bedeutet das: Ich finde es richtig, dass in unserem Potsdamer Museum „Villa Schöningen“ ein Werk von Martin Kippenberger gezeigt wird, das einen gekreuzigten Frosch darstellt und das den provokativen Kalauer-Titel trägt: „Was unterscheidet Casanova und Jesus am Kreuz? Der Gesichtsausdruck beim Nageln.“
Heißt das, dass gute Kunst immer provokativ sein muss? Oder heißt das etwa, dass Tabus heute generell keine Rolle mehr spielen sollten? Oder dass Religion etwas Lächerliches ist? Im Gegenteil. Ich halte Tabus in einer Gesellschaft für wichtig. Ich glaube, dass Respekt vor Institutionen wie der Kirche und dem Staat oder auch der Familie wichtig ist, und dass es sogar eine immer wichtigere Aufgabe ist, das massiv beschädigte Ansehen dieser Institutionen zu pflegen und zu verteidigen. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die sich vor Schadenfreude biegen, wenn dem Papst wieder einmal etwas danebengegangen ist. Ich finde diese Haltung sogar ziemlich dumm.
Aber: Ansehen oder Würde zu pflegen oder wiederherzustellen ist nicht Aufgabe der Kunst, sondern der Institutionen und der Gesellschaft selbst. Kunst ist nicht staatstragend. Kunst ist nicht konstruktiv. Kunst ist nicht erbaulich. Kunst kann schön sein, aber sie muss es nicht. Kunst ist vor allem Spiegel der Gesellschaft, Seismograph eines Zeitgefühls, also: unbequem, verstörend, schonungslos. Konstruktive und erbauliche Kunst forderten die Nationalsozialisten, die die „entartete Kunst“ unter anderem der Expressionisten aus den Museen entfernten und „zersetzende jüdische Kritik“ durch positive „Kunstbetrachtung“ ersetzten. Kunst, die nicht wehtut und ideologische Ziele verfolgt, bestellten die Kommunisten in der Sowjetunion. Und Kunst, die religiöse Gefühle verletzt, verbieten heute die totalitären Regime des islamischen Fundamentalismus. Wenn dann einer dennoch unliebsame Karikaturen veröffentlicht, wird er per Fatwa zur Ermordung empfohlen.
Freie Kunst ist wie die freie Presse eine zentrale Voraussetzung für eine freie, wirklich demokratische Gesellschaft. Und dabei schlägt sowohl die Kunst als auch die Presse manchmal über die Stränge. Wahre Freiheit zeigt sich im Freiheits-Missbrauch. Freiheit gibt es eben nicht kontrolliert, in leicht verdaulichen Dosen, sondern entweder ganz oder gar nicht. Oder, wie Erich Fried es formuliert hat: „Wer sagt, hier herrscht Freiheit, der lügt, denn Freiheit herrscht nicht.“
Kunst hat immer Dinge getan, die im Augenblick zu weit gingen. Darf Kunst dabei auch die Gefühle der Menschen verletzten und sogar zerstörerische Energien freisetzen? Ja. Zur Schöpfung gehört immer auch Zerstörung. Nietzsche sagt: „Und wer ein Schöpfer sein muss im Guten und Bösen: wahrlich, der muss ein Vernichter erst sein und Werte zerbrechen. Also gehört das höchste Böse zur höchsten Güte: diese aber ist die schöpferische.“
Richard Wagner zerstörte mit seiner Idee vom Gesamtkunstwerk und von der ewigen Melodie den Typus der klassischen Nummernoper und mit seiner in Halbtonschritten vorandrängenden Chromatik zerschlug er die Gewissheiten der bis dahin vorherrschenden, auf Ganztonschritte ausgerichteten Diatonik. Er galt als Gegner Brahms und Zerstörer bewährter kompositorischer Tugenden. Zeitgenossen hielten seine Kompositionen geradezu für gefährlich. Man bekämpfte ihn. Heute bestreitet niemand: ein Genie.
Zerstörerische Energie entwickelte auch die Punk-Musik der frühen achtziger Jahre. Ein Aufschrei gegen die harmonische Pop-Gefälligkeit. Bei den „Sex Pistols“ gab es Schrei-Gesang, eine Ästhetik der Hässlichkeit und „No future“-Sprüche statt „I love you forever“-Seligkeit. Stilprägend wirkte der Punk über Neue Deutsche Welle und New Wave bis heute. Und was die „Sex Pistols“ für die Musik waren ist Kippenberger eben für die bildende Kunst. Natürlich ist eine Arbeit wie der Frosch Blasphemie. Das ist Geschmacklosigkeit im Quadrat. Und soll es sein. Der eine findet das genial. Der andere einfach furchtbar, oder auch nur doof. Auch das gehört zur Freiheit. Kunst soll uns anregen, aufregen, verunsichern. Und oft sind es ausgerechnet die Werke, die einen am Anfang am meisten geärgert haben, die man langfristig am höchsten schätzt.
Gibt es also wirklich nichts, was die Kunst nicht darf? Ein Menschenleben gefährden, zum Beispiel? Im New Yorker Museum of Modern Art wurde vor kurzem eine große Retrospektive von Marina Abramovic gezeigt. Die Performance-Künstlerin lotet systematisch Grenzbereiche der Kunst aus. In ihrer bisher extremsten Performance „Rhythm 0“ von 1974 stellte sie sich selbst als Opfer für die Gewalt-Phantasien ihrer Betrachter zur Verfügung. Die Gegenstände für die potenziellen Qualen legte sie bereit: unter anderem Messer, Nadeln, Elektroschockgerät, Pistole und Munition. Viele Besucher standen nur herum, einige benutzten tatsächlich die Nadeln und stachen die Künstlerin, bis Blut lief. Die Situation kippte, als ein Besucher die Pistole lud und sie Marina Abramovic an die Schläfe hielt. Ein anderer Besucher schlug ihm die Waffe schnell aus der Hand und rief die Polizei. Was, wenn er es nicht getan hätte? Und wozu sind Menschen fähig? Die Botschaft dieser Performance ist zutiefst verstörend. Und klar: Die Kunst darf alles. Der Mensch eben nicht.
Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG und Eigentümer der Villa Schöningen.
Nur noch wenige Wochen, dann sind die Tage wieder länger als die Nächte. Der Abgesang des Winters wird am Himmel durch einen gut zu beobachtenden Wettlauf zwischen den Planeten Venus und Jupiter begleitet. Auch Mars und Saturn sind zunehmend besser zu sehen. Und man kann den Orionnebel genauer beobachten, ein Lieblingsobjekt der Hobby-Astronomen. Denn man schaut in einen „Kreißsaal“ für Sterne.
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