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09.08.2010

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GLÜCKSSPIEL: Blinkende Versuchung

Auch in Brandenburg hat das Zocken am Automaten Konjunktur / Hohe Suchtgefahr

POTSDAM - Spieler haben es seit 2008 nicht mehr so leicht. Lotto im Internet etwa ist seitdem verboten, für Spielbanken gelten strengere Zugangskontrollen. Mit dem Glücksspielstaatsvertrag, den die Länder vor zweieinhalb Jahren unterzeichnet haben, sollte die Spielsucht eingedämmt werden. Doch notorische Zocker haben längst einen anderen Weg gefunden: Sie wandern in Spielhallen und Kneipen mit Glücksspielautomaten ab.

In Berlin daddelt es inzwischen fast an jeder Ecke. Immer mehr blinkende Automaten locken in Imbissen und Casinos. Auch in Brandenburgs Spielhallen hängen inzwischen 2089 Glücksspielautomaten – 23 Prozent mehr als 2006. Auf 794 Brandenburger kommt damit ein Spielhallengerät, wie der Arbeitskreis gegen Spielsucht im nordrhein-westfälischen Unna ermittelt hat.

Im Vergleich zum Bundesschnitt – auf 470 Einwohner kommt ein Daddelautomat – ist Brandenburg damit kein Zockereldorado, dennoch hält Andrea Hardeling die Entwicklung in der Mark für bedenklich. „Gerade in den Städten spürt man durchaus, dass Glücksspielautomaten immer präsenter werden“, sagt die Geschäftsführerin der Brandenburgischen Landesstelle für Suchtfragen. Im Westen des Landes sei das Automatennetz dabei dichter als im wirtschaftlich nicht so starken Osten.

Um vor allem Jugendliche und sozial Schwächere vor den Verlockungen der Klimperkästen zu schützen, will Berlins Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) den Vergnügungssteuersatz von elf auf mindestens 15 Prozent erhöhen. Die Automatenindustrie sieht in Nußbaums Idee hingegen nur einen Vorwand, um die klamme Senatskasse aufzubessern.

In Brandenburg dürfte es schwierig werden, der Spielsucht mit einer Steuererhöhung beizukommen. Die Vergnügungssteuer ist eine kommunale Steuer. Während der Stadtstaat Berlin also für sein gesamtes Territorium die Automatenindustrie stärker zur Kasse bitten kann, müsste in Brandenburg jede Kommune die Steuer erhöhen.

Der Städte- und Gemeindebund Brandenburg verfolgt die Entwicklung in Berlin dennoch genau. „Wenn Berlin die Vergnügungssteuer anhebt, stellt ein Betreiber seine Automaten künftig vielleicht nicht mehr in Berlin-Reinickendorf, sondern in Birkenwerder auf“, fürchtet Geschäftsführer Karl-Ludwig Böttcher ein Abwandern der Spielhallen. In diesem Fall wäre eine Steuererhöhung in betroffenen Brandenburger Kommunen durchaus sinnvoll. „Das Thema Spielautomaten hat eine soziale Relevanz, deshalb haben wir es genau im Blick“, erklärt Böttcher. Es sei erschütternd zu beobachten, wieviel Geld gerade sozial Schwache in die Automaten stecken.

Die Zahlen sind in der Tat alarmierend: Die Landesstelle für Suchtfragen geht davon aus, dass mehr als 9200 Brandenburger spielsüchtig sind. Das Spielverhalten von weiteren 10 500 Märkern wird als besorgniserregend eingestuft. 80 Prozent der Betroffenen sind laut Andrea Hardeling den blinkenden Automaten verfallen. „Hier ist die Politik gefragt“, fordert die Suchtexpertin. Dass das Automatengeschäft nicht dem Staatsvertrag unterliegt, findet sie problematisch. Denn während ein gesperrter Zocker in der Spielbank keinen Zutritt mehr hat, kann er ohne Weiteres sein Geld in einem Groschengrab der nächsten Kneipe versenken.

Im Innenministerium sieht man das Schlupfloch im Staatsvertrag nicht als Problem. „Es gibt keine Gesetzeslücke, schließlich wird der Automatenbereich über die Gewerbeordnung geregelt“, erklärt Sprecher Ingo Decker. Zudem müsse man jedem Bürger ein gewisses Maß an Vernunft zubilligen. „Jeder muss selbst wissen, was gut für ihn ist.“

Die Vernunft setze bei krankhaften Spielern aber aus, argumentiert Hardeling. Laut Experten ist die Glücksspielsucht die teuerste aller Süchte. Auch die Selbstmordrate ist bei Zockern höher als bei Alkoholabhängigen. (Von Marion Kaufmann)


Der Staat verdient gut an den Daddelautomaten 

Das Geschäft mit Geldspielautomaten in Spielhallen und Gaststätten in Deutschland ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen. 2002 betrugen die Umsätze nach Angaben des Jahrbuchs Sucht rund 5,7 Milliarden Euro. Im Jahr 2008 waren es bereits 8,1 Milliarden Euro.

Der Anteil der Automaten am Gesamtumsatz der Glücksspiel-Branche lag 2008 mit 32,6 Prozent sogar erstmals knapp vor den Glücksspielen in Spielbaken (32,2 Prozent).

Der Staat verdient an den „Daddelautomaten“ mit. Bundesweit nahm er 2008 rund 1,25 Milliarden Euro Vergnügungs-, Umsatz- und Gewerbesteuerzahlungen der Automaten-Wirtschaft ein.

Hilfe finden Spielsüchtige in Brandenburg bei der „Zentralstelle Glücksspielsucht“ der Landesstelle für Suchtfragen. Unter anderem das Modellprojekt „Frühe Intervention bei pathologischem Glücksspiel“ bietet Betroffenen und Angehörigen Unterstützung. MAZ

 



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