Deutsche Schüler lesen im internationalen Vergleich besonders schlecht. Mit diesem Ergebnis sorgte die erste Pisa-Studie vor neun Jahren für einen Schock. Seitdem rufen deutsche Politiker regelmäßig die „Bildungsrepublik“ aus. Sie lassen fleißig testen und kräftig reformieren. Berlin geht besonders schnell voran. Brandenburg versucht, den Anschluss zu halten. Frontalunterricht ist verpönt, individuelles, selbständiges Lernen wird favorisiert. Immer mehr Erst- und Zweitklässler werden gemeinsam in so genannten Flex-Klassen unterrichtet. Das didaktische Konzept dazu heißt „Schreiben nach Gehör“ mit Hilfe der so genannten Anlauttabelle.
Denn in Deutschland haben längst Reformpädagogen das Sagen. Seit den 70er Jahren kämpfen sie erfolgreich gegen das „Abrichten“ in der Schule. Kinder sollen „selbstbestimmt“ und „aus eigenem Antrieb“ lernen dürfen. Sie hoffen, so den deutschen Untertanengeist zu verhindern. Ihre Schulen heißen Montessori-, Waldorf- und Freie Schule, um nur einige zu nennen. Einst wurden sie in Westdeutschland als Inseln der Seeligen belächelt, heute gehören sie zum festen gesamtdeutschen Schulrepertoire. Ihre Verfechter sitzen auf den Chefsesseln etlicher Bildungsinstitute, Universitäten und Schulbuchverlage.
Das Pisa-Desaster hat der Reformpädagogik zum Durchbruch verholfen: Seit neun Jahren drängt sie auch in den Unterricht der staatlichen Schulen. Mit ihrer Hilfe wollen Politiker die soziale Schere in den Schulen wieder schließen. Doch das Gegenteil ist der Fall.
Die Erfolge lassen auf sich warten. Vor allem beim Lesen und Schreiben öffnet sich die soziale Schere weiter. In Berlin rechnet man neuerdings damit, dass jeder zehnte Grundschüler als Analphabet die Schule verlassen wird. Auch Brandenburg veröffentlicht dramatische Zahlen. Doch das Flächenland kann seine mangelhaften Basiskompetenzen weder mit einem hohen Migrantenanteil noch mit einer extremen Vorverlegung des Einschulungsalters (wie in Berlin) entschuldigen. Denn seit der mäßigen Vorverlegung des Stichtages werden (anders als in Berlin) doppelt so viele Kinder für ein Jahr zurückgestellt.
In der Mark wird mittlerweile jedes vierte Kind in Flexklassen eingeschult, in denen die erste und zweite Klasse gemeinsam unterrichtet werden. Doch ausgerechnet in der Phase der Alphabetisierung steigt die Zahl der Sitzenbleiber rasant. Allerdings nur in den Flexklassen. Zwölf Prozent dieser Schüler drehen derzeit eine Ehrenrunde. Das sind fünfmal so viele Wiederholer wie in den Regelklassen. Dort bleiben nach Aussage des Ministeriums nur 2,4 Prozent in den ersten beiden Klassen sitzen.
Und die Zahl dürfte noch steigen, wenn sich Flex und Anlauttabelle weiter durchsetzen. Denn Flex-Schüler lesen und schreiben höchstens genauso gut wie Regelschüler. Dabei stammen die bisherigen Flexschüler aus den engagierteren Elternhäusern, ihre Lehrer gehören zu den geschulteren, der Betreuungsschlüssel ist im Vergleich luxuriös und die Vergleichsarbeiten (Vera) schrieben viele der Sitzenbleiber gar nicht mit.
Das eigentliche Ungemach droht noch: Denn je flächendeckender das Flex-Prinzip angewandt wird, desto schlechter können die Schüler im Durchschnitt lesen und schreiben. Das besagen Studien für Berlin und Brandenburg, ohne daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Dabei liegt die Vermutung so nahe: Flex und Anlauttabelle erschweren das Lernen.
Als „reformpädagogische Propaganda“ entlarvte schon 2007 die Augsburger Professorin Angela Enders die grundschul-didaktischen Untersuchungen der Landesinstitute. Selbst die umfangreichste Studie aus Bayern „war von vornherein nicht als wissenschaftliche Überprüfung eines theoretischen Konzeptes angelegt, sondern als dessen praktische Bestätigung“.
Dabei gibt es längst eine internationale Meta-Studie (National Reading Panel, 2000), die 1900 Untersuchungen zu verschiedenen Leselernkonzepten verglichen hat. Ihr Ergebnis: Kinder werden am effektivsten alphabetisiert, wenn sie regelmäßig laut lesen. Diese Form des Eintrainierens widerspricht aber den Grundsätzen deutscher Reformpädagogik, die schon simple LaLeLu-Passagen herkömmlicher Fibeln ablehnt.
Derzeit sollen Schüler lesen lernen, indem sie zuerst schreiben. Individuell und leise. Dazu bekommen sie eine Tabelle mit einem Überangebot von bis zu 60 Zeichen, denen einzelne Bilder zugeordnet sind: A wie Affe und Ameise, ...ch wie Teppich und Buch. Die Schüler sollen zunächst ohne orthographische Bedenken drauflos schreiben. Wer seinen eigenen Text schreiben kann, wird auch fremde Texte „blitzlesen“ können, so die Idee. Allerdings wird bei diesen Kindern überproportional häufig eine Lese-Rechtschreib-Schwäche diagnostiziert.
Brandenburger Familien mit mehreren Kindern haben den Vergleich: Sie können an ihren eigenen Kindern beobachten, wie sich die verschiedenen Konzepte auswirken. Ihr Fazit: Kinder, die per Flex und „Schreiben nach Gehör“ unterrichtet wurden, lesen deutlich schlechter als Kinder, die sehr traditionell und lehrerzentriert per Fibel lernen. Je offener der Unterricht gestaltet wird, desto mehr müssen Eltern mit den Kindern zu Hause büffeln. Das Automatisieren wird immer stärker in die Elternhäuser ausgelagert. Das ist auch im Landesinstitut Berlin-Potsdam (Lisum) kein Geheimnis. Doch statistisch tauchen die elterlichen Hilfslehrer in keiner Untersuchung auf.
Dabei bemühen sich viele Eltern spätestens in der dritten Klasse um Schadensbegrenzung: Regelmäßig üben sie zu Hause das Lautlesen mit den Kindern, damit diese, wenn auch viel zu spät, doch noch Gefallen an Cornelia Funke und „Harry Potter“ finden. Schüler bildungsferner Haushalte bekommen spätestens jetzt ein riesiges Problem. So öffnet sich die soziale Schere weiter. „Gymnasiasten kommen zunehmend nur noch aus wohlhabenden Verhältnissen, während die Zahl der Sitzenbleiber an Hauptschulen dramatisch angestiegen ist“, gibt Brandenburgs Bildungsminister Holger Rupprecht (SPD) zu.
Begeistert eröffnete der Minister kürzlich eine Tagung einer Initiative aus Siegen in Potsdam. Der Titel: „Ohne Eltern geht es nicht“. Eine Bankrotterklärung der Reformpädagogik? Der Untertitel: „So leicht lassen wir keinen mehr sitzen.“ Vor zwei Jahren gastierten die Reformpädagogen aus Nordrhein-Westfalen schon einmal in Potsdam. Ihr damaliges Rezept: Ältere Schüler sollen für zwölf Euro pro Stunde schulintern Nachhilfeunterricht geben. Finanzieren sollen das die Eltern.
Jetzt legen die Siegener nach: „Angesichts der immer schmaler werdenden Kassen müssen wir im großen Rahmen auf die Eltern setzen.“ Lehrer sollen künftig Mutter, Vater, Oma und Opa zu Hilfslehrern anlernen. Wer will, darf sich auch noch um Mitschüler kümmern. Dabei ist die Schlagzeile „Ohne Eltern geht es nicht“ nur geklaut vom Verband der Schulbuchverlage, der seine jüngste Messe unter dieses PR-Motto stellte. Da sind sich Reformpädagogen und Schulbuchverlage einig: Ohne Eltern funktioniert ihre Didaktik nicht.
Aus der Stadt Siegen kommt auch Professor Hans Brügelmann, ein Vertreter des Spracherfahrungsansatzes. Jeder Schüler solle das schreiben, was er schon kennt. Als Sprecher von etwa 100 Reformschulen im Verbund „Blick über den Zaun“ musste Brügelmann kürzlich erleben, wie seine Organisation durch ihren Wortführer Hartmut von Hentig und dessen Lebensgefährten in die Schlagzeilen geriet. Es ging um den Missbrauch-Skandal an der Odenwaldschule, die auch Gründungsstätte des Verbundes ist. Journalisten nahmen den Verbund „Blick über den Zaun“ daraufhin genauer unter die Lupe und „Die Zeit“ attestierte ihm „ähnlich religiöse Züge“ wie der katholischen Kirche: „mit einer strikten Trennung zwischen Gut (Projektunterricht, Gesamtschule) und Böse (Noten, gegliedertes Schulsystem, Frontalunterricht), mit ihren Pilgerstätten (Laborschule in Bielefeld und Odenwaldschule) mit ihren Priestern und Kanonikern“. Enge Kontakte unterhält der Verbund auch nach Brandenburg, denn der Gründer des Brandenburger Lisum, Klaus-Jürgen Tillmann, leitete einst die Bielefelder Laborschule.
Das SPD-regierte Land positioniert sich seitdem ausdrücklich reformpädagogisch. Alternativen werden gutachterlich abgewehrt. Erst kürzlich wählte das Lisum ausgerechnet den Sprecher des Reformschulverbandes als neutralen Gutachter. Professor Brügelmann sollte beurteilen, ob ein neues Leselernprogramm mit dem sperrigen Namen „IntraActPlus“an Brandenburgs Grundschulen zugelassen werden dürfe. Nein, lautete sein vernichtendes Urteil. Vor IntraActPlus sei dringend zu warnen. Doch sachliche Argumente liefert das Gutachten nur wenige. Dennoch unterschrieben es reflexartig 50 Co-Gutachter, um einen Paradigmenwechsel zu verhindern.
Dabei gilt die Loseblattsammlung des Wissenschaftsverlages Springer längst als Geheimtipp unter all jenen Eltern, die ihren Kindern doch noch das Lesen beibringen wollen. Das Konzept lässt die Pädagogik links liegen, setzt auf kognitionspsychologische Erkenntnisse und fußt auf den Ergebnissen der schon erwähnten Meta-Studie. Die Kinder trainieren Augenbewegung, Leserichtung und Lautverbindungen, indem sie mit einer Loch-Schablone über einzelne Buchstaben und Buchstabenverbindungen fahren: AL/LA/AL/AL und Lama/am/um/Lulu.
Später folgen sinnhaltige Wörter: Lupe/Tante/Kappe/Torte. Es wird also laut gelesen. Was stupide klingt, macht den Kindern Freude, weil es sie nicht überfordert. Die Erfolge sind erstaunlich. Förderlehrer benutzen das Konzept seit Jahren – und das nicht nur einzeln, sondern auch klassenweise. Was den schwächsten Schülern hilft, soll für andere schädlich sein?
Das Brandenburger Bildungsministerium blendet die amerikanische Meta-Studie aus und schließt sich Brügelmanns Urteil an: IntraActPlus basiere auf „überholten wissenschaftlichen Sichtweisen“ und werde „aus konzeptionellen, fachdidaktischen und lerntheoretischen Gründen“ für den Einsatz an Grundschulen abgelehnt. Wer Kindern auf diesem Weg das Lesen beibringe, enthalte ihnen „wichtige Bereiche sprachlicher und literarischer Bildung“ vor, behauptet das Ministerium vollmundig.
Nur selten erhält der Buchversand Amazon so viele positive Kommentare zu einem Titel wie bei IntraActPlus. Eltern, Großeltern und Lehrer jubeln über die erlebten Erfolge. Auch in den Foren der Zeitschrift „Eltern“ hat sich IntraActPlus längst als Geheimtipp durchgesetzt. Selbst etliche Blogger der „Süddeutschen Zeitung“ und der „Zeit“ rätseln erzürnt, warum die Loseblattsammlung mit so viel Energie von den Grundschulen (bis auf Sachsen) ferngehalten wird.
Offenbar verletzt das nüchterne Konzept, Lesen als bloße Decodierfähigkeit zu trainieren, den Nerv der Reformpädagogik. Dass Kinder aber viel selbstbewusster und kritischer Lesen, wenn sie auch die Lesetechnik beherrschen, wird unterschlagen.
Das kann nur zwei Gründe haben: ideologische oder ökonomische. Wahrscheinlich sogar beide. Immerhin wächst der Markt für Nachhilfe-Institute seit Jahren beträchtlich, und die Verlage gleichen den Sparzwang der Schulämter mit kräftigen Gewinnzuwächsen bei Nachhilfe-Medien aus. Denn die Verlage haben längst erkannt: Ohne Eltern verdienen sie nicht.
Die Landesinstitute tragen derweil Scheuklappen: Nach dem Nutzen der Anlauttabelle befragt, antwortet ein leitender Mitarbeiter des Berlin-Brandenburger Lisum (der namentlich nicht genannt werden möchte): „Jein.“ Es gebe halt keine Alternativen. Die Autorin entgegnet: „IntraActPlus“. Entsetzt reagiert der Lisum-Mitarbeiter: „Mit Ihnen rede ich nicht mehr.“ Eine schriftliche Stellungnahme wird ebenso abgelehnt und die Autorin an das Ministerium verwiesen.
Experten der Goethe-Universität Frankfurt (Main) entwickeln derzeit auf der Basis der gleichen internationalen Meta-Studie ein Lesetraining ab der dritten Klasse, das nicht die Eltern in die Pflicht nimmt, sondern die Schulen. Ihr Konzept lautet genau wie bei IntraActPlus: regelmäßig laut im Tandem lesen.
Das Frankfurter Team um Professorin Cornelia Rosebrock konnte in einer Studie mit Hauptschülern beeindruckende Erfolge nachweisen. Nun testet es, ob auch Grundschüler effektiver lernen, wenn sich je ein schwächerer und ein stärkerer Schüler gegenseitig laut vorlesen. Verglichen wird die Gruppe mit Schülern, deren Lehrer vorliest und die leise chorisch mit ihm mitlesen. Damit testen die Frankfurter sogar jene Methode, die von der Reformpädagogik als die allerschlimmste verteufelt wird. Auf die Ergebnisse darf man gespannt sein.
Bis dahin bleiben Eltern auf Hausmittel angewiesen: Neben IntraActPlus gibt es noch das Feuerwehrprogramm des kleinen Domino-Verlages, der bekannt ist für seine hochwertige Kinderzeitschrift „Floh“. Entsetzt über die ersten Pisa-Ergebnisse entwickelte der Herausgeber ein eigenes Programm zur „Lesefitness“, mit dem auch Anlauttabellen-geschädigte Schüler noch wunderbar lesen lernen. Finanziell gefördert wird es nicht von den Ministerien, sondern von allen 16 Landesvertretungen der Lehrer-Gewerkschaft (VBE).
Das Konzept basiert darauf, dass der Lehrer sämtliche Eltern dazu verdonnert, ihr Kind täglich laut lesen zu lassen. Die Eltern müssen jeden Abend gegenzeichnen. In der Schule werden die Erfolge dann per Tempo- und Inhaltsverständnis-Check getestet. Jedes Kind darf seine Leistungen in einer persönlichen Kurve eintragen. Lehrer und Eltern bekommen so monatlich Rückmeldung und können reagieren. 255 brandenburger Klassen trainieren bereits mit dem Lesetraining des Domino-Verlages. Bundesweit sind es zwei Millionen Grundschüler.
Und der Verlag prescht noch weiter vor: Künftig will er schon die Erstklässler zum häuslichen Lautlesen anhalten und konterkariert damit die Anlauttabelle. Der entscheidende Nachteil: Ohne Eltern geht es nicht. Und das in einer Zeit, in der die Ganztagsschule als Allheilmittel gilt. Doch selbst diese funktioniert nur, wenn sie sich für die Lernphase des Automatisierens zuständig fühlt. Doch bisher gilt für viele Ganztagsschüler mit reformpädagogischer Ausrichtung: Im Unterricht wird gespielt und zu Hause gebüffelt. (Von Nathalie Wozniak)
Nur noch wenige Wochen, dann sind die Tage wieder länger als die Nächte. Der Abgesang des Winters wird am Himmel durch einen gut zu beobachtenden Wettlauf zwischen den Planeten Venus und Jupiter begleitet. Auch Mars und Saturn sind zunehmend besser zu sehen. Und man kann den Orionnebel genauer beobachten, ein Lieblingsobjekt der Hobby-Astronomen. Denn man schaut in einen „Kreißsaal“ für Sterne.
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