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01.09.2010

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MIGRATION: Die Diskussion ist völlig obskur

Henryk M. Broder über die Thesen von Thilo Sarrazin und die öffentliche Debatte darüber

Der Publizist Henryk M. Broder (64) hat sich vielfach mit der Integration von Muslimen beschäftigt. Mit ihm sprach Ralf Schuler.

MAZ: Herr Broder, eines Ihrer Bücher heißt „Hurra, wir kapitulieren“ und beschäftigt sich ebenfalls mit Problemen im Umgang mit Muslimen. Fand die Kanzlerin das Buch „hilfreich“?

Henryk M. Broder: Sie hat mir auf einer Party mal zugezwinkert, das habe ich als Zustimmung gewertet. Dass sie sich zum Buch von Thilo Sarrazin äußert, finde ich einen Skandal. Es ist nicht die Aufgabe eines Kanzlers, literarische Empfehlungen zu geben oder Bücher als ,hilfreich’ oder ,nicht hilfreich’ zu klassifizieren. Da müssten man die meisten Bücher vermutlich ohnehin einstampfen.

 

Von der Ähnlichkeit Ihres Titels zu „Deutschland schafft sich ab“ von Sarrazin einmal abgesehen, haben Sie in Ihrem Buch den Deutschen auch bescheinigt, nur Umarmungsstrategien im Umgang mit Muslimen anzuwenden und sich der Problematik der Integration nicht bewusst zu sein.

Broder: Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Deutschen kennen im Grunde nur Wohlfühl-Strategien gegenüber den Moslems und haben nicht begriffen, dass sie es mit einer grundlegend anderen Kultur zu tun haben. Ich sage nicht, dass sie besser oder schlechter ist, nur vollkommen anders. Deshalb sind die Forderungen, dass sich Muslime integrieren sollen vollkommen richtig. Man muss Einwanderern auch sagen, dass sie einen Teil ihrer Kultur zu Hause lassen müssen. Das galt immer schon und für alle: Polen, Juden, Iren und eben auch für Moslems.

 

Das heißt, Sie kommen zu einem ähnlichen Befund wie Thilo Sarrazin?

Broder: Stimmt. Ich beziehe meine Einschätzung aus der Ansicht des Alltags, Sarrazin bezieht sich auf statistisches Zahlenmaterial. Ich glaube allerdings, dass Sarrazin, genauso wie ich, nichts gegen Einwanderer hat und, genauso wie ich, nichts gegen Muslime. Man muss aber feststellen dürfen, wie sich eine Gesellschaft durch Einwanderung verändert. Was jetzt passiert, ist der Klassiker, dass der Überbringer einer schlechten Botschaft geprügelt wird. Er ist der Sündenbock, der mit den Sünden der Gesellschaft beladen und in die Wüste geschickt wird.

 

Sarrazins Kritiker konnten seine Zahlen bislang nicht widerlegen, werfen ihm aber vor allem vor, Muslime auszugrenzen. Darf man Probleme mit Muslimen nicht ansprechen oder nur so zart, dass die Gemeinten nicht zornig werden?

Broder: Das ist genau der wunde Punkt der Geschichte. Manche meinen, es sei vor allem Sarrazins Ton das Problem. In der Sendung ,Beckmann’ wurde ihm vorgehalten, er hätte sich lieber konstruktiv äußern sollen. Das kennt man aus der DDR: Kritik muss konstruktiv sein, sonst hat man zu schweigen. Zum Schluss kam noch ein Streetworker, der sagte, das Buch könnte bei muslimischen Jugendlichen zu Gewaltausbrüchen führen. Das ist die gleiche Argumentation wie bei den Mohamed-Karrikaturen. Bisher haben muslimische Jugendliche auch ohne Sarrazin genügend Belege ihrer Wut abgeliefert. Die Diskussion ist völlig obskur. Ich glaube, man ist sauer auf Sarrazin, weil er ausspricht, was alle ahnen. Er soll schweigen, damit die eigenen Zweifel der Deutschen schweigen.

 

Demnach hätte eine Entlassung Sarrazins aus der Bundesbank in Ihren Augen die Botschaft: Über Integrationsprobleme von Muslimen ist Stillschweigen zu bewahren?

Broder: Das wäre im Grunde die Lehre daraus. Ich glaube aber nicht, dass man die Debatte damit beenden kann. Seran Ates, Necla Kelek und demnächst auch Hamed Abdel-Samad, der ein sehr kluges Buch über den Islam geschrieben hat, werden sich weiter zu Wort melden. Das Einzige, was ich Thilo Sarrazin wirklich übel nehme, ist, dass er dermaßen verbissen für seinen Verbleib in der SPD kämpft: Man bleibt nicht in einem Haus, in einem Verein, in dem man nicht willkommen ist.

» Hurra, wir kapitulieren!: Von der Lust am Einknicken


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In diesem Forum gibt es 2 Einträge

» Investor | 01.09.2010, 15:16

Klarsicht ist angesagt


Danke Herr Broder.
Es bleibt nur zu wünschen,das diese Samenkörner nicht in der Bundesdeutschen Wüste vetrocknen.
Aber immerhin,ein Anfang ist gemacht.
Mit freundlichen Grüßen!

» MickeyV | 01.09.2010, 20:12

Danke


Endlich mal ein wohltuender, rationeller Artikel zu diesem Thema!

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