In Potsdam ist in Schönwetter-Veranstaltungen häufig von Toleranz die Rede. Gerne wird der französische Aufklärer Voltaire mit dem Satz zitiert: „Du bist anderer Meinung als ich und ich werde dein Recht dazu bis in den Tod verteidigen.“ Und vor gut zwei Jahren hat ein hiesiger Politikprofessor versucht, die Potsdamer Bürger für ein neues Toleranzedikt zu erwärmen. Damit wären wir bei Thilo Sarrazin.
Seit Jahren begleiten wir das Brandenburgische Literaturbüro bei seinen Veranstaltungen und stellen gelegentlich auch den Moderator. Es handelt sich meist um kontroverse Themen, die wir interessant finden. Aus diesem Grund haben wir schon vor Wochen, bevor Auszüge aus dem Buch bekannt wurden und die Empörungsmaschinerie in Gang gekommen ist, dem Literaturbüro signalisiert, dass ein Kollege bereit ist, bei der Präsentation von Sarrazins Buch in Potsdam die Moderation zu übernehmen. Wir hören jetzt, dass das „Waschhaus“, wo die Veranstaltung ursprünglich stattfinden sollte, massiv unter Druck gesetzt wurde, Sarrazins Lesung abzusagen. Nicht nur die üblichen Verdächtigen aus der Antifa-Ecke sollen darunter sein, sondern auch Künstler, die drohten, nie mehr im Waschhaus aufzutreten, falls Sarrazin dort seine Bühne bekommt. Es ist schon bemerkenswert, dass diejenigen, die das Recht auf Kunst- und Meinungsfreiheit oft bis an die Grenzen der Verfassung für sich reklamieren, kein Problem damit haben, es anderen nicht zuzugestehen.
Auch Lutz Boede von der Potsdamer Wählervereinigung „Die Andere“ kündigte schon mal an, dass die Veranstaltung nicht wie geplant ablaufen werde. Es ist das gute Recht eines jeden, sich über Sarrazin zu empören. Es muss aber möglich sein, über seine Thesen öffentlich zu diskutieren. Deshalb geht es nicht mehr allein um ihn. Es geht ums Prinzip. Noch sind wir nicht so weit, dass eine Minderheit, die durch nichts legitimiert ist, darüber befindet, was stattfinden darf.