KÖNIGS WUSTERHAUSEN - Alle Sorgen, die jungen Leute könnten sich langweilen, waren unbegründet. Er wolle, sagte Bildungsminister Holger Rupprecht (SPD) daher mit dem langweiligsten Teil anfangen: mit seinem Leben. Dann solle Brandenburgs Diktatur-Beauftragte Ulrike Poppe von ihrer aufregenden Vergangenheit als DDR-Bürgerrechtlerin erzählen. Davon versprach sich der Minister gestern im Oberstufenzentrum eine gewisse Steigerung der Spannung.
Doch die war gar nicht nötig, nicht zuletzt, weil Rupprecht aus seinem vermeintlich langweiligen Leben launig erzählte. In geordneten Verhätnissen sei er aufgewachsen. Mit dem DDR-Staatsapparat in Konflikte gekommen sei er einmal kurz vor dem Abitur, als er während einer Wehrübung mit anderen „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ sang. Es sei ein einschneidender Moment gewesen, als die Frau eines befreundeten Musikers eingesperrt wurde, weil ihr Mann während eines Konzerts in Westdeutschland gleich dageblieben war. Trotzdem habe er ein angepasstes Leben geführt, nicht mal während der Wendezeit den Mumm gehabt, sich lautstark zu engagieren. Seine Stasiakte sei dementsprechend dünn: Nur ungefähr 100 Seiten.
Anders Ulrike Poppe, über die die Staatssicherheit 60 Aktenordner Material gesammelt hat. Im Stasiknast Hohenschönhausen hat sie gesessen, die Stasi habe ihre Wohnung abgehört, den Kinderladen, den sie mit Freunden in Berlin gegründet hatte, einfach zugemauert. Und das, weil sie sich unter anderem über den Wehrunterricht in den DDR-Schulen ab Ende der 70er Jahre kritisch geäußert hatte. Engagiert hatte sich Poppe im Netzwerk „Frauen für den Frieden“ und der „Initiative Frieden und Menschenrechte“, die wegen ihrer Oppositionshaltung zu einem Drittel aus Stasispitzeln bestanden habe.
Für die Schüler – alles junge Erwachsene – war das teilweise neu. Eine Abiturientin wollte daher wissen, warum während ihrer Schulzeit die DDR-Geschichte nicht auf dem Lehrplan stand – eine Kritik, die Rupprecht schon oft zu hören bekam. Der Lehrplan sei zu straff, sagte er. Geschichtslehrer würden oft gar nicht bis zur neuesten Geschichte vordringen. In Zukunft stehe daher die DDR schon im Lehrplan für Siebtklässler – auch wenn das gegen die chronologische Reihenfolge verstößt.
Die Privatwohnung abgehört – das wäre für sie das Schlimmste, sagte eine Schülerin. Man habe gelernt, damit zu leben, entgegnete ihr Poppe. Wie groß die Last allerdings war, die ihr deswegen auf der Seele lag, habe sie erst Mitte 1990 gemerkt, als es hieß, alle Geräte des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) seien abgeschaltet. Aber: Sie habe in der DDR auch „geliebt, gelacht, gefeiert“ und den längsten Teil ihres Lebens verbracht. Es sei auch eine schöne Zeit gewesen, in der sie beispielsweise ihre Kinder bekommen hat.
Eine Schülerin wollte wissen, ob die DDR auch in 50 Jahren noch auf dem Lehrplan stehe. Ja – da waren sich Poppe und Rupprecht einig. Es gehe ja nicht nur um die DDR an sich, sagte die Diktatur-Beauftragte. „Die Suche nach einer besseren Gesellschaft werde nicht aufhören.“ Deswegen hätten viele ja früher mitgemacht. Sie sahen in der DDR einen Gegenentwurf zum Westen, wo ja auch viel Unrecht geschehe, so Poppe. Es sei also wichtig zu wissen, wie sich autoritäre Strukturen entwickeln. Außerdem: „Es waren 40 Jahre!“, sagte Rupprecht. Nazideutschland habe gerade mal zwölf Jahre bestanden. Für die Zukunft wünsche er sich, beide Teile der deutschen Geschichte im Unterricht.
Die Schüler fanden es spannend – wie die 1988 geborene Maria Bischof aus Berlin. Sie bewunderte Poppes Engagement. „So was ist schön und wichtig“, sagte sie. (Von Christoph Seyfert)