POTSDAM - Der deutsch-israelische Schriftsteller Chaim Noll, Sohn des DDR-Schriftstellers Dieter Noll („Die Abenteuer des Werner Holt“), hat Thilo Sarrazin gegen Kritik des Zentralrats der Juden in Deutschland in Schutz genommen. Wegen der Bemerkung, „alle Juden teilen ein bestimmtes Gen“, hatte der Zentralrat Sarrazin in die Nähe der NPD und der NS-Rassenlehre gerückt.
In einem Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schreibt Chaim Noll, diese Kritik sei „aus Sicht des verbindlichen jüdischen Religionsgesetzes, der Halacha, unhaltbar. Nach der Halacha ist Judesein zum Teil genetisch definiert, indem nämlich jedes Kind einer jüdischen Mutter – im Judentum zählt traditionell die mütterliche Linie – als jüdisch gilt. Daneben gibt es eine zweite Definition des Judeseins, über Konversion oder Annahme der jüdischen Religion. Die genetische und die konfessionelle Definition bestehen seit Jahrhunderten nebeneinander.“ Die Äußerungen des Zentralrats „werfen ein ernüchterndes Licht auf die Unbildung deutsch-jüdischer Funktionäre, denen offenbar das elementare Grundwissen über das Judentum abhandengekommen ist“, so Noll.
Die angestrebte Suspendierung Sarrazins aus dem Vorstand der Bundesbank war auch mit der Schädigung des Ansehens Deutschlands im Ausland begründet worden. Dazu schreibt Noll: „Die verschreckte Reaktion der deutschen Zentralrats-Funktionäre auf das Wort ,Gen’ findet in Israel wenig Verständnis. Ein Tabu, jüdische Identität mit Genetik in Zusammenhang zu bringen, besteht hierzulande nicht. An den israelischen Universitäten wird auf diesem Gebiet intensive fachwissenschaftliche Forschung betrieben, in zunehmendem Ausmaß. Es ist ein Thema, das viele jüdische Wissenschaftler und Laien interessiert und ausführlich in den Medien reflektiert wird. (...) Diese Themen sind auch in Israel umstritten. Aber die Debatte wird offen geführt und, anders als in Deutschland, ohne Hysterie“, schreibt Noll.
Von einem Aufschrei der Empörung ist auch in anderen Ländern wenig zu hören. In Frankreich und Großbritannien wurde über die deutsche „Sarrazin-Affäre“ eher nüchtern berichtet und je nach Ausrichtung der jeweiligen Medien kommentiert.
Beide Länder haben selbst Probleme mit muslimischen Einwanderern. Frankreich hat gerade seine Gesetze für den Umgang mit Ganzkörperschleiern verschärft. Die mehr als zwei Millionen Muslime Grossbritanniens stammen überwiegend aus den früheren Kolonien Pakistan und Bangladesch. Die Arbeitslosigkeit unter der Minderheit ist dreimal so hoch wie in der Gesamtbevölkerung; mehr als die Hälfte der erwachsenen Muslime in Großbritannien geht keiner Erwerbstätigkeit nach. Bei den Frauen liegt der Anteil deutlich höher. (rs.)