BERLIN - Die Spitzen der schwarz-gelben Koalition haben gestern im Kanzleramt stundenlang über die Zukunft der Atomkraft in Deutschland verhandelt. Aus Regierungskreisen hieß es am Abend, die Atomkraftwerke sollten in der Frage der Laufzeiten individuell unterschiedlich behandelt werden. Neuere Atomkraftwerke sollen demnach sehr viel länger laufen als bisher vorgesehen, ältere hingegen bald vom Netz genommen werden.
Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte zuletzt eine Verlängerung zwischen zehn und 15 Jahren als energiepolitisch vernünftig bezeichnet. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) strebt eine Verlängerung der Laufzeiten von bis zu 20 Jahren an und wird dabei sowohl von der Unionsfraktion im Bundestag als auch von den süddeutschen Ministerpräsidenten der Union unterstützt.
Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) will die Laufzeiten hingegen nur moderat verlängern. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel kündigte gestern an, seine Partei werde im Falle einer Regierungsbeteiligung jede Laufzeitverlängerung wieder rückgängig machen.
Die Spitzen der Koalitionsparteien diskutierten auch über die Frage, ob die Betreiberfirmen neben der bereits beschlossenen Brennelementesteuer eine zusätzliche Abgabe zur Förderung alternativer Energien zahlen sollen. Es zeichnete sich gestern Abend ab, dass es zunächst eine Abgabe von 200 bis 300 Millionen Euro geben soll, die dann nach Auslaufen der Atomsteuer erhöht wird.
2009 wurden rund 22,5 Prozent des Energiebedarfs in Deutschland aus Kernkraftwerken gedeckt. Im Jahr 2000 hatte die damalige rot-grüne Bundesregierung mit den Betreiberfirmen den Atomausstieg ausgehandelt. Im Schnitt ergab sich für jedes Atomkraftwerk eine Gesamtlaufzeit von etwa 32 Jahren. Danach würde 2022 mit Neckarwestheim II das letzte deutsche Kernkraftwerk abgeschaltet. Es wurde 1989 in Betrieb genommen. (Von Joachim Riecker)