BEESKOW - Fast könnte man meinen, aus Versehen auf einen Parteikonvent der Grünen geraten zu sein. So viel ist auf dem Marktplatz von Beeskow (Oder-Spree) von Energiewende, von regenerativen Energien und den Gefahren des Klimawandels die Rede. Rund 2500 Menschen stehen hier am Samstagnachmittag, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ein Mädchen mit Thor-Steinar-Jacke und blondem Kurzhaar, daneben der Rentner im senffarbenen Blouson, dort der Langmähnige in den Öko-Schlappen, da der Anzugträger mit der Designer-Brille. Es ist das Volk im Querschnitt. Es reckt Transparente mit wütenden Slogans in den Himmel, auf denen steht: „Aufstand der Versuchskaninchen“. Das Volk macht Druck.
Um Druck geht es auch jener Firma, gegen die hier in so vielfältiger Einmütigkeit protestiert wird. Der Energiekonzern Vattenfall will unter großem Druck das klimaschädliche Kohlendioxid (CO2) der Kohleverstromung unter der Erde bringen und dort unter dichten Gesteinsschichten lagern. Unter Beeskow und Umgebung soll diese Technik erprobt werden. Ergebnisoffen, wie Vattenfall und die rot-rote Landesregierung versichern.
„Die Region wird zu einem industriellen Versuchsobjekt mit offenem Ende für Mensch und Tier“, sagt Udo Schulze von der Bürgerinitiative „CO2-Endlager stoppen“. Er ist stolz darauf, dass so viele, so unterschiedliche Menschen auf dem Marktplatz stehen. Er und alle anderen Redner versichern: Wir sind keine Technologiefeinde. Aber die Speicherung des Klimakillers CO2 sei nicht zukunftsgewandt, sondern gestrig. „Wir vernichten auch keine Arbeitsplätze“, sagt Schulze. „Die Zukunft liegt bei den erneuerbaren Energien.“
Die Freiwillige Feuerwehr ist mit drei Löschzügen gekommen. An einer Drehleiter hängt ein Protestbanner, obendrüber, etwas weiter im Hintergrund, hebt sich ein Transparent vom Backsteinrot des Kirchturms ab. Die Kirche im benachbarten Lindenberg kündigt „Gebet und Glockengeläut für die Schöpfung“ an, jeden Donnerstag um 19 Uhr.
Man kann dem Protest hier nicht entgehen. Detlef-Dirk Kolbe ist einer, der den Druck abbekommt, und der ihn weiterleiten will nach oben. Im sandfarbenen Anzug steht er unter einem roten Sonnenschirm und spricht von den Anfeindungen, die ihm ständig entgegenschlagen. Kolbe ist der Vorsitzende des Beeskower Linken. Die Linke wurde hier vor allem gewählt, weil sie im Wahlkampf den Ausstieg aus dem Tagebau unterstützt hat. Jetzt regiert sie in Potsdam mit und stellt einen Wirtschaftsminister, den viele hier nur als verlängerten Arm von Vattenfall wahrnehmen. „Wir waren von Anfang an gegen die CO2-Verpressung“, sagt Kolbe. Jetzt sehe es so aus, als würden die in Potsdam Politik gegen die Menschen machen.
Kolbe und seine Genossen haben einen schweren Stand. Man wirft ihnen Wortbruch vor. Die Glaubwürdigkeit der Partei steht auf dem Spiel. „Es ist frustrierend, wie man persönlich angegiftet wird“, sagt Kolbe. Dabei seien doch alle Kommunalpolitiker vor Ort, egal von welcher Partei, gegen die Verpressung. Aber die vor Ort machen nicht die Gesetze. Als Wirtschaftsminister Ralf Christoffers (Linke) kürzlich ankündigte, die Klagerechte der Bürger gegen die Verpressung beschneiden zu wollen, haben sie ihm deutliche Briefe geschrieben. So deutlich, dass man davon abgesehen habe, sie an die Presse zu geben, sagt Kolbe. Und dann sagt er etwas gewunden, was auch andere Parteimitglieder vor Ort denken. „Wir wollen eine große Lobby aufbauen, die Herrn Christoffers sagt: 'Nehmen sie ihren Hut.'“
Auf der Bühne steht derweil Beeskows Bürgermeister Frank Steffen (SPD) und erzählt von einem Druck ganz anderer Art. Steffen ist, anders als sein Parteichef Matthias Platzeck, vehement gegen die Erkundung der Technik in der Region. Und er wisse auch, dass viele Landespolitiker ähnlich denken, es aber nicht laut sagen dürfen, „weil sie offiziell die Linie des Landes vertreten müssen“. Und im nächsten Satz drängten sie ihn, doch den Klageweg zu beschreiten. Und dann lassen die Beeskower Hunderte von gelben Protestballons in den bewölkten Abendhimmel steigen. Gesponsert von der Linkspartei. (Von Torsten Gellner)