Auf der diesjährigen Berlinale erhielt Semih Kaplanoglu den Goldenen Bären für seinen Film „Bal – Honig“, der jetzt in die Kinos kommt. Mit dem Regisseur sprach Kira Taszman.
MAZ: Herr Kaplanoglu, Ihr Film „ Bal“, zu Deutsch „Honig“, ist der dritte und letzte Teil Ihrer sogenannten „Yusuf-Trilogie“. Was hat der Titel Ihres Films über die buchstäbliche Bedeutung hinaus – der Vater des kindlichen Protagonisten ist Imker – zu bedeuten?
Semih Kaplanoglu: Eigentlich geht es mir nicht so sehr um Metaphern oder Symbolismus. Man kann natürlich sagen, dass der Honig die Seele des Waldes darstellt. Denn er entsteht aus all den Blüten und Essenzen der Pflanzen, die dort wachsen und von den Bienen zusammengetragen werden. Darin drückt sich auch eine gewisse Reinheit aus, die in meinem Film ein wichtiges Element ist.
Hat die Reinheit auch mit der Kindheit Yusufs zu tun?
Kaplanoglu: Selbstverständlich.
Warum haben Sie die unterschiedlichen Epochen der Trilogie nicht gekennzeichnet, sondern jeden der drei Teile in der Gegenwart spielen lassen?
Kaplanoglu: Weil ich keine historische Betrachtungsweise einführen wollte. Vielmehr wollte ich eine Struktur schaffen, die in der Jetztzeit angesiedelt ist. Wenn Sie die Filme aufmerksam betrachten, dann sehen Sie, dass Yusuf in jedem Teil einen anderen Nachnamen trägt. „Bal“ spielt im Herbst 2009. Das sehen wir an dem Kalenderblatt. Es ging mir also schon darum, gewisse Dinge auszudrücken, die mit der Gegenwart zu tun haben. Ansonsten wollte ich aber auch auf vielen Ebenen eine zeitliche Unbestimmtheit bewahren und die Geschichte nicht in einen historisierenden Kontext packen. Gerade dann, wenn wir beginnen, uns an die Vergangenheit zu erinnern, stehen wir mit einem Fuß in der Gegenwart, von der wir uns gerade im Erinnerungsprozess nicht lösen können.
In „Bal“ wird sehr wenig geredet. Misstrauen Sie dem gesprochenen Wort?
Kaplanoglu: Ja, ich misstraue Filmen, in denen viel gesprochen wird. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ich selbst als Mensch auch nicht viel spreche. Ich hatte übrigens im Kindesalter, ähnlich wie Yusuf, eine Lese-Rechtschreibschwäche und habe auch heute noch Probleme beim Fremdsprachenerwerb. Es scheint irgendwas in meinem Sprachzentrum nicht ganz in Ordnung zu sein. Ich kann stundenlang ohne zu sprechen einfach still dasitzen und beobachten, was um mich herum geschieht. In „Bal“ ging es aber natürlich um die filmische Umsetzung des Stoffes in Bild und Ton. Da war mir wichtig, die Dialoge zwischen den Figuren ohne zu viel Sprache seh- und spürbar zu machen. Dieses Vorgehen hat bestimmte Handicaps mit sich gebracht.
Welche?
Kaplanoglu: So finde ich es durchaus verständlich, dass Zuschauer, die diese Art des Erzählens nicht gewohnt sind, sich in meinem Film langweilen. Ich verlange etwas Mühe und Mitarbeit vom Zuschauer. Aber ich werde da keine Konzessionen machen können, weil ich mir einfach für mich selbst keine andere Erzählsprache vorstellen kann. Meine Filme werden manchmal als minimalistisches Kino bezeichnet. Aber ich finde das nicht ganz zutreffend. Mir geht es vielmehr darum, einen lyrischen Film zu schaffen. Das bringt natürlich die Technik der Verdichtung mit sich und auch die der Reduktion.
Die Natur ist ja auch ein großer Protagonist in „Bal“. Was hat sie der sogenannten „Zivilisation“ voraus?
Kaplanoglu: Wenn ich mich länger in der Natur befinde, überkommt mich ein Zustand der Ruhe, der Langsamkeit, des Schweigens und der Nacktheit im positiven Sinne. Ich beginne, meinen Körper und meinen Geist zu spüren und empfinde ein Gefühl der Dankbarkeit. Die Natur wartet darauf, von uns entdeckt zu werden, was uns dabei helfen kann, das Leben neu zu entdecken. So, wie ich in der Natur versuche, die Existenz und Gegenwart Gottes zu verspüren, so versuche ich diese Rezeptionshaltung in meinen Film auch aufzubauen. Aber ich glaube, auch wenn ich einen Film in einem völlig urbanen Setting drehen würde, würde wiederum dieser Anspruch und dieses Gefühl dennoch entstehen, weil das einfach mein Anspruch ans Filmemachen ist.
Auffällig ist die innige Beziehung zwischen Vater und Sohn in „Bal“. Wollten Sie damit ein Klischee von der viel beschworenen Symbiose zwischen Mutter und Kind aufbrechen?
Kaplanoglu: Im ländlichen Bereich in der Türkei werden Kinder allgemein nicht von ihren Müttern verhätschelt. Denn man denkt, es würde verhindern, dass die Kinder rasch zu starken, eigenständigen Menschen werden. Deswegen wird Liebe auch oft nicht gezeigt. Vielmehr gilt der Vater als Rollenmodell, als Held, vor allem für Jungen. Im Gegensatz zur dörflichen Gesellschaft haben wir in den Städten schon viele Familienverhältnisse, die sehr innig sind und die mit sehr viel Liebe ausgedrückt werden. Aber ich denke, dass diese enge Symbiose auch verhindern kann, dass ein Kind zu einem Individuum heranwächst. Das möchte ich nicht in einem machoistischen Sinne missverstanden wissen.