Am 21. November 1811, gegen 16 Uhr, schießt sich der Dichter, Herausgeber, Essayist und Journalist Heinrich von Kleist am kleinen Wannsee in den Kopf. Mit ihm stirbt eine Seelenverwandte, Henriette Vogel, ebenfalls durch eine Kugel aus seiner Pistole.
Kleists Leben, Werk und Tod geben seitdem Rätsel auf und führen zu einer fast mythischen Verklärung des kleinen Preußen. War er geistesgestört oder genial, litt er an der zeittypischen Seelenblessur oder fällt er vollkommen aus seiner Zeit? Woher rührte seine radikale Originalität? Mochte er lieber Frauen oder Männer? Und warum brachte er sich kaum 34-jährig um?
War er enttäuscht über seinen literarischen Misserfolg, der so noch gar nicht feststand? Oder weil ein weiteres journalistisches Projekt, eine Berliner Tageszeitung, gescheitert war und er wieder einmal vor dem Nichts stand? Kapitulierte er vor dem ständigen Mühen um Geld, Erfolg, Verständnis und Anerkennung? Hatte er es satt, in seiner Familie – alter preußischer Militäradel – als Versager zu gelten? Scheiterte er am Anspruch seines eigenen grandiosen Lebensentwurfes? Trieb ihn gar Preußens politische Misere in den Tod?
Die „Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war“, schreibt er im Abschiedsbrief an seine Lieblingsschwester Ulrike, „und möge Dir der Himmel einen Tod schenken, der nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit dem meinigen gleich“.
Nach seinem Tod gilt er als pathologischer Fall. Und mit ihm seine Dichtung und ihre Helden. „Sie interessieren mich nicht und dürfen überhaupt keinen gesund empfindenden Menschen interessieren“, wetterte Theodor Fontane, „es sind eitle, krankhafte, prätentiöse Waschlappen“, „die immer nur von kranker Zeit und kranken Gemütern gefeiert worden sind“.
Wenige Jahrzehnte später, nach 1900, wird Kleist mit viel Pathos wiederentdeckt und nicht mehr vergessen. Die Moderne sieht ihre Widersprüche und Krisen von ihm vorweggenommen. Ironie, Skepsis, Unkonventionelles und Antiautoritäres finden sich in seinen Texten, ebenso teutonischer Nationalismus und Kriegsbegeisterung. Seine Tragödien sind nicht klassisch, seine Komödien bitter. Die Essays regen immer noch zum Denken an und die Erzählungen überraschen bei jeder Lektüre. Die vieldeutige Offenheit seiner Dichtung animiert bis heute zu Interpretationen und Gegeninterpretationen. Zusammen mit den Lebenszeugnissen bilden sie ein Puzzle, dem immer wieder entscheidende Teile fehlen.
Die Literatur über Kleist gehört deshalb zu den kreativsten und experimentierfreudigsten Äußerungen über einen Autor. Doch der nicht Fixierbare selbst hat einmal seine Schwester gewarnt, in seinen Briefen mehr zu lesen als darin steht: „Unterlasse alle Anwendungen, Folgerungen u. Combinationen. Sie müssen falsch sein, weil Du mich nicht ganz verstehen kannst. Halte Dich bloß an das, was ich Dir gradezu mitteile. Das ist buchstäblich wahr.“
Wie wenig auch dem Buchstäblichen bei Kleist zu trauen ist, wie sehr seine Leser durch die Unschärfe der Sprache getäuscht werden, zeigen seine literarischen Verwirrspiele. Da werden schon mal „Küsse“ und „Bisse“ verwechselt, so dass Penthesilea im gleichnamigen Drama den Geliebten buchstäblich zerfleischt. Unfassbar, nicht nur 1808, als das Kunstblut noch nicht eimerweise über die Bühne schwappte. Einen „Projektemacher“ und Abenteurer nennt ihn Günter Blamberger. Der Präsident der Kleist-Gesellschaft attestiert dem Dichter die „Zeitkrankheit“ der Orientierungslosigkeit. Er hebt die Kontingenz, das Zufällige, als Lebensprinzip in seinem Denken, Handeln und Schreiben hervor. Blambergers literaturhistorisch rekonstruierter Fluchtpunkt ist ausdrücklich nicht der Tod am Wannsee. Der nicht genannte Fluchtpunkt sind die Jahre der Wiederentdeckung um den 100. Todestag 1911. Dort findet er die Bürgen für Kleists geistige, seelische und ästhetische Verfassung: Kästner, Thomas Mann, Rilke, Walter Benjamin und Kafka. Das ist ahistorisch und anachronistisch. Allerdings ist es auch typisch für den Horizont der Kleist-Forschung der vergangenen Jahre, deren Ergebnisse Blamberger summiert. Mehr tut er nicht, leider. Sein Porträt lässt sich aber mit Genuss und Gewinn lesen. „Wäre es nicht an der Zeit, das Unzeitgemäße an Kleist zu bemerken?“, fragt er erst zum Schluss seiner Betrachtung. Stünde dieser Gedanke am Anfang, wäre Blambergers Buch nicht nur ein Fazit der akademischen Kleist-Betrachtung, sondern ein Neubeginn.
Indirekt bestätigt er auch Wilhelm Amann, der konstatiert, dass in der professionellen Beschäftigung mit Kleist eine gewisse Routiniertheit und Erschöpfung nicht zu übersehen sei. Ohne von dieser Einsicht zu profitieren, gibt er in der gebotenen Kürze einer Einführung alle wesentlichen Anhaltspunkte zur aktuellen Lektüre und überzeugt nebenbei durch ein übersichtliches, ansprechendes Layout.
Laut Blamberger ist es kein biografisches Fiasko, wenn man Brüche und Zufälle in Kleists Leben akzeptiert, die einem geschlossenen Lebensmuster entgegenstehen. Freilich widerspricht diese Unbestimmtheit dem aufklärenden Habitus konventioneller Biografistik, wie sie Peter Michalzik, Feuilletonredakteur, und Hans-Jürgen Schmelzer, pensionierter Oberstudienrat, in ihren Kleist-Büchern vertreten. Sie wollen „für den ganz normalen Leser“ (Michalzik) schreiben, den Zugang nicht durch „komplizierte, verwissenschaftlichte Theorien“ (Schmelzer) verbauen.
Michalzik nähert sich dem „Dichter, Krieger, Seelensucher“ einfühlend und identifikatorisch, verliert sich aber im Anekdotischen und in seitenlangen Abhandlungen über das preußische Militär. Vielversprechend sind die „Zwischenspiele“, kleine Exkurse, um biografische Metathemen wie das Reisen oder die Finanzen zu verdichten und für Kleist zu spezifizieren. Sie laufen jedoch ins Leere, wenn nur wiederholt wird, was bereits an anderer Stelle des Buches steht.
In anderer Weise popularisierend sucht Schmelzer den Zugang zu Kleists disparatem Erbe: durch seine persönliche Lese- und Lebenserfahrung. Das sei keine eitle Besserwisserei, beteuert der Biograf, sondern als Ermunterung gedacht, seinen eigenen Weg zu Kleist zu finden. In jovialer Altherrenprosa nimmt Schmelzer den Leser dann aber doch lieber an die Hand und führt ihn über verschlungene, aber durchaus gelungene Umwege durch Kleists Leben. Die Differenzierung von Fakt und Interpretation bleibt dabei zuweilen auf der Strecke.
Ziemlich weg von der konventionellen Biografie und ganz nah an dem sensiblen Exzentriker ist die italienische Germanistin Anna Maria Carpi, so nah, dass sie ihm Worte in den Mund legt. In kursiv gesetzten Lettern gibt Kleist Kommentare in eigener Sache. Und auch andere kommen zu Wort. Familie, Freunde und Zeitgenossen treten in einen munteren Dialog mit dem Dichter und über ihn. Ergänzt werden diese fiktiven Gespräche durch Dokumente und biografische Schilderungen. Das eröffnet ein raffiniertes Spiel mit Tatsachen, Interpretiertem und Erdachtem, wobei alles weitgehend als solches erkennbar bleibt, aber dennoch miteinander verflochten ist und sich gegenseitig erhellt. Carpi trägt zur Bereicherung der aktuellen Kleist-Revision bei und schreibt für jene „ganz normalen Leser“, die auf Fußnoten verzichten können, sich aber trotzdem eine gescheite Lektüre wünschen.
Und dennoch: Kleist sperrt sich gegen jegliche Vereinnahmung durch seine Biografen. Andererseits muss sich aber auch jeder Autor, der sich mit Kleist beschäftigt, vor einer Vereinnahmung durch den Mythos hüten. Umso beeindruckender ist, wie es Tanja Langer gelingt, ihre Erzählung von diesem gigantischen Ballast zu befreien. Heinrich nennt sie ihn schlicht, „denn wann immer ich seinen Nachnamen lese, scheint er mir so festgelegt, belastet von einem Wissen, das mich daran hindert, ihn neu zu befragen, ihn neu zu erfinden“. Dennoch drückt diese Bezeichnung keine plumpe Vertraulichkeit aus, keine identifikatorische Annäherung, sondern ist der Grundstein für die sensible Beobachtung eines Menschen in seiner letzten Nacht vor dem Freitod.
Sie nimmt Kleist das Befremdliche, ohne ihn zu vereinnahmen. In einer feinen, zurückhaltenden Sprache schildert sie Kleists Abschied von der Welt. Er erinnert sich an die glücklichen Momente seines Lebens, an die Festungshaft, die er genoss, weil er ungestört schreiben konnte, und an die Begegnung mit Henriette Vogel, der Frau, die in wenigen Stunden mit ihm die konsequenteste aller Entscheidungen treffen wird. Heinrich und Henriette. Langer gibt der Gefährtin dieser letzten Stunden eine gleichberechtigte Stimme. Mit gleichem Respekt wie dem Dichter gegenüber porträtiert sie eine Frau, die keinesfalls eine hysterische Schwärmerin ist oder verzweifelte Geliebte. Auch ihre Entscheidung ist wohlüberlegt, eine Entscheidung gegen ein qualvolles Dahinsiechen und im schmerzlichen Bewusstsein, ihre geliebte Tochter zurückzulassen.
Wie Kleist muss auch sie sich ihren Zweifeln stellen und sie überwinden, um den Tod mit jener Heiterkeit zu verbinden, die für die Nachwelt von großer Unverständlichkeit bleiben wird. Langer vermittelt das Befreiende dieses Endes, die Last, die von beiden genommen wird, wenn sie sich sicher werden, dass ihr Doppelfreitod keine Kapitulation ist, sondern Triumph. (Von Anett Kollmann)
Subversiver Geist
In Frankfurt (Oder) 1777 geboren, trat Heinrich von Kleist 15-jährig in den preußischen Militärdienst ein, den er 1788 aus innerer Abneigung verließ. Seine Erzählungen („Michael Kohlhaas“) und Stücke („Der zerbrochene Krug“, „Penthesilea“) zeichnet ein origineller, subversiver Ton aus.
Günter Blamberger: Heinrich von Kleist. Biografie. S. Fischer, 297 Seiten, 24,95 Euro.
Wilhelm Amann: Heinrich von Kleist. Suhrkamp, 160 Seiten, 8,90 Euro.
Peter Michalzik: Kleist. Dichter, Krieger, Seelensucher. Propyläen, 576 Seiten, 24,99 Euro.
Hans-Jürgen Schmelzer: Heinrich von Kleist. Deutschlands unglücklichster Dichter. Hohenheim, 248 Seiten, 19,90 Euro.
Anna Maria Carpi: Kleist. Ein Leben. Suhrkamp, 477 Seiten, 24,90 Euo.
Tanja Langer: Wir sehen uns wieder in der Ewigkeit. Die letzte Nacht. dtv, 240 Seiten, 9,90 Euro.