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24.03.2011

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ENERGIE: Wo der Windstrom gezähmt wird

Für den Netzbetreiber 50 Hertz sind die erneuerbaren Energien eine große Herausforderung

BERLIN - Boris Schucht weiß, welche Schlüsselrolle ihm und seinen Branchenkollegen bei der Bewältigung der Energiewende in Deutschland zukommt. „Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist nur möglich, wenn auch die Stromnetze entsprechend ausgebaut werden“, so der Sprecher der Geschäftsführung des ostdeutschen Stromnetzbetreibers 50 Hertz gestern bei der Bilanzpressekonferenz des Unternehmens in Berlin. Vor allem, wenn erst einmal Windparks auf hoher See ihren Strom einspeisen wollen. „Ohne den Ausbau der Netze können Sie damit allenfalls die Ostsee heizen“, sagt Schucht lakonisch.

50 Hertz ist die frühere Netzsparte des Energiekonzerns Vattenfall. Seit dem vergangenen Jahr betreibt das Unternehmen in eigener Regie (siehe Kasten) knapp 10 000 Kilometer Hochspannungsleitungen in den neuen Bundesländern, Berlin und rund um Hamburg. Zu den Aufgaben des Netzbetreibers gehört es, jederzeit die Stromproduktion und den Stromverbrauch im Netz im Gleichgewicht zu halten – und den Strom dorthin zu transportieren, wo er verbraucht wird. Doch gerade Windstrom ist unberechenbar – er wird erzeugt, wenn der Wind weht, und nicht, wenn besonders viel Strom gebraucht wird.

Für 50 Hertz ist das eine anspruchsvolle Aufgabe. Weil es im Nordosten der Republik wenig Industrie gibt, entfallen nur 20 Prozent des bundesweiten Stromverbrauchs auf das Netzgebiet des Unternehmens. In derselben Region sind aber 35 Prozent der Stromerzeugungskapazitäten und sogar 41 Prozent der Windenergie am Netz.

Was das bedeutet, zeigt sich an Tagen wie dem 4. Februar 2011. „Am Nachmittag näherte sich von Südwesten eine Starkwindfront“, erzählt Hans-Peter Erbring, Leiter der Systemführung bei 50 Hertz in der Leitzentrale des Unternehmens in Berlin-Marzahn. Dort zeigt eine große Tafel an, welche Anlagen wie viel Strom ins Netz einspeisen. An diesem Freitag brachte der starke Wind binnen kurzer Zeit die Windräder auf Touren. „Teilweise gingen innerhalb von 15 Minuten 800 bis 900 Megawatt Windstrom ans Netz“, erinnert sich Erbring. Das entspricht der Kapazität eines konventionellen Kohlekraftwerksblocks. Weil sich gleichzeitig große industrielle Stromabnehmer ins Wochenende verabschiedeten, sank jedoch der Stromverbrauch.

In solchen Situationen geht es hektisch zu in der Leitzentrale. Denn es gilt, das Netz vor einer Überlastung zu bewahren. Weil Ökostrom im Netz grundsätzlich Vorrang hat, wird zunächst die Produktion der fossilen Kraftwerke im Netzgebiet gedrosselt – bis auf eine technische Mindestkapazität, die aufrechterhalten werden muss. An Tagen mit hohem Strombedarf wird „stattdessen zum Beispiel Kraftwerkskapazität in Süddeutschland eingekauft, die nicht über unser Netz läuft“, sagt 50-Hertz-Chef Schucht. Erst wenn die fossilen Kraftwerke ausgereizt sind, müssen auch Betreiber von Windrädern ihre Anlagen herunterfahren. 2010 trat dieser Fall an sechs Tagen ein – noch vor drei, vier Jahren kam er praktisch nie vor.

Schon heute wird das System bis ans technische Limit gefahren. „Wir müssen mittlerweile mehr als die Hälfte aller Tage im Jahr aktiv ins Netz eingreifen“, sagt Schucht. Und das ist erst der Anfang. Prognosen zufolge wird sich die Kapazität erneuerbarer Energien in der Regelzone von 50 Hertz bis 2020 mehr als verdoppeln. Neben Windrädern werde dann auch zunehmend Photovoltaik eine Rolle spielen, sagt Schucht. Bislang habe der Netzbetreiber auf die Betreiber von Solaranlagen keinerlei Zugriff und verfüge auch über keine Daten, wann welche Mengen ins Netz eingespeist werden. Das müsse sich mit dem wachsenden Anteil der Solarenergie ändern, fordert der 50-Hertz-Chef.

Das Unternehmen hat sich vorgenommen, innerhalb der kommenden zehn Jahre 3,3 Milliarden Euro in den Ausbau seines Netzes zu stecken. Vier große Projekte stehen auf der Agenda, unter anderem eine Leitung durch die Uckermark. Den größten Teil des künftigen Stromtransports soll aber die „Südwest-Kuppelleitung“ bewältigen, die Sachsen-Anhalt und Bayern verbindet. Ein Drittel der Strecke ist fertig, zwei Drittel stecken noch im Raumordnungs- oder Planfeststellungsverfahren. „Die Genehmigungsverfahren können durchaus sieben bis neun Jahre dauern“, klagt Schucht. Im Thüringer Wald macht den Planern zudem eine hartnäckige Bürgerinitiative zu schaffen, die den Leitungsbau verhindern will.

Vor diesem Hintergrund setzt Schucht Hoffnungen auf das neue Gesetz zum Netzausbau, das Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) am Montag vorgestellt hat. Es vereinheitlicht Planungsverfahren und räumt dem Bund mehr Kompetenzen ein. Um die Akzeptanz des Leitungsbaus zu erhöhen, spricht sich Schucht für eine stärkere Beteiligung der betroffenen Kommunen aus. „Bislang haben sie davon weder Steuereinnahmen noch sonst irgendwelche Vorteile.“ Zudem müssten Anliegen des Naturschutzes stärker gegen die Auswirkungen auf die Bevölkerung und den Klimaschutz abgewogen werden. (Von Martin Usbeck)


Das Unternehmen gehörte früher zum Energiekonzern Vattenfall

  • 50 Hertz war bis zum vergangenen Jahr als Netzsparte dem Energiekonzern Vattenfall angegliedert. Im Mai 2010 hat Vattenfall die Sparte mit ihren rund 10 000 Kilometern Stromleitungen an den belgischen Netzbetreiber Elia und den australischen Rentenfonds IFM verkauft.
  • Der Firmenname geht auf die Frequenz zurück, mit der der Wechselstrom im Hochspannungsnetz seine Richtung ändert. Bei 50 Hertz ist das Stromnetz stabil.
  • An das Netz von 50 Hertz sind Energieerzeugungsanlagen mit einer Leistung von rund 35 000 Megawatt angeschlossen. 15 000 Megawatt entfallen dabei auf erneuerbare Energien, davon mehr als 11 000 auf Wind. Diese Anlagen erzeugten 2010 rund 25 Prozent des im Netz transportierten Stroms
  • Im Jahr 2010 erzielte das Unternehmen bei einem Umsatz von 5,6 Milliarden Euro einen Gewinn von102,6 Millionen Euro und beschäftigte – auf Vollzeitbasis – 646 Menschen.
  • Vom Gesamtumsatz (5,6 Milliarden Euro) stammen rund fünf Milliarden aus Einnahmen für die Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Energien, die bei 50 Hertz nur erhoben und an die Einspeiser des Stroms weitergeleitet werden. Die Gebühren für die Bereitstellung des Netzes beliefen sich 2010 auf 570 Millionen Euro. Viel mehr geht nicht: Die Regulierungsbehörde hat bei 50 Hertz die Erlösobergrenze für Einnahmen aus dem Netz auf 584 Millionen Euro festgesetzt. us


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