PERLEBERG - Mit dem diesjährigen Kulturlandprojekt in Perleberg wird – auch in Form von fünf großen Aufstellern in der Innenstadt – auf die Geschichte des Kinos in der Rolandstadt aufmerksam gemacht. Joachim Kober haben die Berichte in der Märkischen Allgemeinen veranlasst, sich mit seinen Erinnerungen zu Wort zu melden.
Das erste Kino der Rolandstadt – so ist es in den Archiven überliefert – wurde 1912 in der Wollweberstraße gegründet. Franz Rietsch ließ dort das Union-Theater errichten. Wie Joachim Kober berichtet, muss es jedoch eine Art Vorläufer gegeben haben. Denn Filme sahen die Perleberger schon vor der Zeit des Union-Theaters.
In der Judenstraße – heute Parchimer Straße – bestand eine Filmstube. Davon habe ihm seine Mutter oft erzählt, erinnert sich Joachim Kober. 1910 erhielt die damals 14-Jährige eine Anstellung als Kinder- und Hausmädchen bei der Familie Tuchfeld, die in der Judenstraße eine Färberei führte. Haus und Betrieb befanden sich rechts neben dem Judenhof. Auf der anderen Straßenseite – schräg gegenüber – existierte damals ein flaches Gebäude, in dem die Perleberger Stummfilme sahen. Geräusche oder musikalische Untermalung steuerten ein Geiger oder ein Klavierspieler bei. Da die 14-Jährige nur wenig Geld besaß, blieb der Besuch dieser Kinostube ein unerfüllter Wunsch.
„Groß kann dieses Kino aber nicht gewesen sein“, schätzt Joachim Kober. Wann die Kinostube verschwand, weiß er nicht zu sagen. Der 77-Jährige meint, schon in seinen Kindertagen gab es diesen Filmspielort nicht mehr. Wo einst der Flachbau stand – er schloss sich an das rückwärtige Backsteingebäude der Bibliothek an, die vom Großen Markt betreten wurde –, besteht heute eine Lücke in der Straßenfront.
Eigene Erinnerung hat Joachim Kober hingegen an das neue Union-Theater an der Wittenberger Straße, das Franz Rietsch 1937 eröffnete.
In der Vorhalle konnte man sich Brause kaufen. Zu den Bubenstreichen jener Zeit gehörte es, die Brause kräftig aufzuschütteln und dann die Beine der Mädchen damit zu besprühen. Nur von Kinobesitzer Franz Rietsch durfte man sich dabei nicht erwischen lassen, sonst flog man raus. Er sorgte auch für Ordnung, wenn die Leute in langer Schlange nach Karten anstanden. Joachim Kober und seine Freunde besorgten sich meist schon einen Tag vorher die Karten, wenn sie am Sonntag einen Film sehen wollten.
Zwischen Union-Theater und Roland-Lichtspielen am Großen Markt bestand ein reger Austausch. Zunächst war die Wochenschau in dem einen Kino zu sehen, während im anderen ein Vorfilm lief. Nach dem Ende der Wochenschau brachte ein Bote die Filmrollen im Sauseschritt ins andere Lichtspielhaus, damit auch dort die Kinobesuches die Wochenschau sehen konnten.
Der Wunsch nach Abwechslung und Unterhaltung war nach dem Krieg ungebrochen. Ärgerlich war, dass für sowjetische Offiziere oder die Funktionäre der neuen Staatsmacht immer eine Reihe freigehalten werden musste, obwohl die Karten heiß begehrt waren. In der ersten Zeit gab es viele sowjetische Filme mit deutschen Untertiteln. Die sowjetische Besatzungsmacht nutzte das Kino auch für ihre Zwecke, es bot Gelegenheit, Arbeitskräfte zu rekrutieren. Mitten im Film ging das Licht an, Soldaten mit MPi standen in den Ausgängen und einige Leute wurden herausgefischt. Ein befreundeter Schneider wurde auf diese Weise verpflichtet, in Lenzen für die Russen zu arbeiten, erzählt Joachim Kober. Doch dies geschah nur in der ersten Nachkriegszeit. Da in jenen Tagen häufig der Strom ausfiel, bekam das Union-Theater eine eigene Stromleitung. Von der Trafostation im Mönchort wurde bis zur Wittenberger Straße ein Schacht ausgehoben.
Als wohl größtes Kinoerlebnis ist Joachim Kober – und vielen Perlebergern, die dabei waren – die Uraufführung des Films „Vergeßt mir meine Traudel nicht“ im Gedächtnis geblieben. In dieser Spielfilm-Komödie hatte Eva-Maria Hagen 1957 ihren ersten großen Auftritt als Schauspielerin. Eva-Maria Buchholz, wie sie vor ihrer Heirat hieß, war in Perleberg aufgewachsen. Der Krieg hatte die Familie – Mutter, Bruder und Schwester, wenn sich Joachim Kober recht erinnert – in die Rolandstadt verschlagen. Die Flüchtlinge kamen schließlich in der Heilige-Geist-Straße unter – die Perleberger sprachen von der „Arschkerbe“. Joachim Kober fuhr einige Zeit regelmäßig mit „der Buchholz“ im Zug von Wittenberge nach Perleberg. Beide waren damals Lehrlinge, er im Reichsbahnausbesserungswerk und sie im Bahnwerk. Ob sie Schlosser oder Tischler lernte, kann Joachim Kober nicht mehr sagen. Ohnehin schloss sie die Lehre nicht ab.
Direkt beliebt sei „die Buchholz“ nicht gewesen, berichtet Joachim Kober. „Ich werde Schauspielerin“ verkündete sie etwas von oben herab – und mit gleichaltrigen Freunden oder Freundinnen gab sie sich nicht ab. So war sie Ziel manchen Schabernacks, auch an der Grenze des Erlaubten. Als sich Joachim Kober auch einmal daran beteiligte, trug ihm das eine Ohrfeige des angehenden Filmstars ein.
Die Gefühle bei der Uraufführung, mit der Eva-Maria Hagen ihre zeitweilige Heimatstadt beehrte, waren auf allen Seiten etwas gemischt. Die Volkspolizei zeigte sich bei dem Ereignis im Roland-Kino präsent. Der Schauspielerin ging bei den Perlebergern kein allzu guter Ruf voraus, so etwas in der Preislage „leichtes Mädchen“ – zu Recht oder zu Unrecht spielte dabei keine Rolle. Die Vopos konnten jedoch unschöne Rufe nicht völlig unterbinden. Eva-Maria Hagen spielt in dem Film ein eigensinniges, launisches und zugleich verführerisches Mädchen. Als der Rock auffliegt und ihre Beine freigibt, erreicht der Film erotische Qualität. Joachim Kober meint, Eva-Maria Hagen spielte sich in dem Film selbst, nur in abgeschwächter Form.
Als der Jungstar nach der Premiere Tränen vergoss, gingen die Ansichten auseinander. Die einen meinten, sie weine aus Freude, die anderen meinten, sie weine aus Angst vor Beschimpfungen aus dem Publikum. (Von Michael Beeskow)