POTSDAM - Die letzten Jahre war Walter Flegel ein milder, älterer Herr, der lieber zuhörte als zu argumentieren und auszuteilen. Die respektheischende NVA-Uniform tauschte er 1986* gegen flauschige Pullover ein. 1990 gründete er mit anderen Ex-SED-Genossen in Potsdam das Literatur-Kollegium Brandenburg, das sich „für Autoren der Region stark machen möchte“ und vom Land institutionell gefördert wird.
Dass Flegel ursprünglich aus Schlesien stammte, war unüberhörbar. Als Elfjährigen verschlug es den Sohn eines Zieglers 1945 nach Borna in Sachsen. 1953, im Jahr des Arbeiteraufstandes, meldete er sich zur Kasernierten Volkspolizei, besuchte später eine Offiziersschule und wurde Oberstleutnant. 1960 veröffentlichte er seinen ersten Roman „Wenn die Haubitzen schießen“. Etliche Prosa-Titel sollten folgen – etwa „Der Regimentskommandeur“ oder „Es gibt kein Niemandsland“. In den gleichgeschalteten Medien der DDR war viel über seine Bücher zu lesen, obwohl sie kaum jemand las.
Walter Flegel gründete und leitete Zirkel schreibender NVA-Soldaten und saß auf den repräsentativen DDR-Schriftstellerkongressen für die bewaffneten Organe mit Uniform im Podium. Als überzeugter SED-Genosse verteidigte er die Standpunkte der offiziellen Politik, sei es das Kriegsrecht in Polen, die Sowjet-Invasion in Afghanistan, den Ausschluss kritischer Autoren aus dem Schriftstellerverband und die Verfolgung der DDR-Friedensbewegung „Schwerter zu Pflugscharen“.
Die machtvollen Demonstrationen 1989 stellten sein Engagement und sein Werk deutlich infrage. Seine nun aufflammende Kritik an den alten Verhältnissen verband er mit der Forderung, das „Kulturverständnis als bestimmende geistige Größe in der Gesellschaft“ beizubehalten.
Walter Flegel verblüffte, als er 1993 in einem Kleinverlag in Bad Kreuznach „Meine Reise an die Mosel“ herausbrachte. Mit demselben Pathos, mit dem er eben noch die Tüchtigkeit von NVA-Soldaten schilderte, würdigte er nun einen westdeutschen Weinbauer im ehemaligen „Operationsgebiet“.
In den letzten Jahren veröffentlichte Walter Flegel noch vereinzelt Erzählungen und Kinderbücher. Mit seinen Schreibwerkstätten für Behinderte erwarb er sich Respekt. Gestern verstarb Flegel wenige Stunden nach einem Schlaganfall in Potsdam. (Von Karim Saab)
* In der gedruckten Version des Textes in der Märkischen Allgemeinen vom 15. Juni 2011 war fälschlicherweise „1990” angegeben.