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15.06.2011

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LITERATUR: Tauschte Uniform gegen Pullover

Zum Tode des Autors Walter Flegel

POTSDAM - Die letzten Jahre war Walter Flegel ein milder, älterer Herr, der lieber zuhörte als zu argumentieren und auszuteilen. Die respektheischende NVA-Uniform tauschte er 1986* gegen flauschige Pullover ein. 1990 gründete er mit anderen Ex-SED-Genossen in Potsdam das Literatur-Kollegium Brandenburg, das sich „für Autoren der Region stark machen möchte“ und vom Land institutionell gefördert wird.

Dass Flegel ursprünglich aus Schlesien stammte, war unüberhörbar. Als Elfjährigen verschlug es den Sohn eines Zieglers 1945 nach Borna in Sachsen. 1953, im Jahr des Arbeiteraufstandes, meldete er sich zur Kasernierten Volkspolizei, besuchte später eine Offiziersschule und wurde Oberstleutnant. 1960 veröffentlichte er seinen ersten Roman „Wenn die Haubitzen schießen“. Etliche Prosa-Titel sollten folgen – etwa „Der Regimentskommandeur“ oder „Es gibt kein Niemandsland“. In den gleichgeschalteten Medien der DDR war viel über seine Bücher zu lesen, obwohl sie kaum jemand las.

Walter Flegel gründete und leitete Zirkel schreibender NVA-Soldaten und saß auf den repräsentativen DDR-Schriftstellerkongressen für die bewaffneten Organe mit Uniform im Podium. Als überzeugter SED-Genosse verteidigte er die Standpunkte der offiziellen Politik, sei es das Kriegsrecht in Polen, die Sowjet-Invasion in Afghanistan, den Ausschluss kritischer Autoren aus dem Schriftstellerverband und die Verfolgung der DDR-Friedensbewegung „Schwerter zu Pflugscharen“.

Die machtvollen Demonstrationen 1989 stellten sein Engagement und sein Werk deutlich infrage. Seine nun aufflammende Kritik an den alten Verhältnissen verband er mit der Forderung, das „Kulturverständnis als bestimmende geistige Größe in der Gesellschaft“ beizubehalten.

Walter Flegel verblüffte, als er 1993 in einem Kleinverlag in Bad Kreuznach „Meine Reise an die Mosel“ herausbrachte. Mit demselben Pathos, mit dem er eben noch die Tüchtigkeit von NVA-Soldaten schilderte, würdigte er nun einen westdeutschen Weinbauer im ehemaligen „Operationsgebiet“.

In den letzten Jahren veröffentlichte Walter Flegel noch vereinzelt Erzählungen und Kinderbücher. Mit seinen Schreibwerkstätten für Behinderte erwarb er sich Respekt. Gestern verstarb Flegel wenige Stunden nach einem Schlaganfall in Potsdam. (Von Karim Saab)

 

* In der gedruckten Version des Textes in der Märkischen Allgemeinen vom 15. Juni 2011 war fälschlicherweise „1990” angegeben.


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In diesem Forum gibt es 4 Einträge

» Paulkiefer | 16.06.2011, 13:11

Zu: Tauschte Uniform gegen Pullover


Zum Tod Walter Flegel
Unsensibler geht es nicht mehr. So schreibt man nicht über einen Menschen, der verstorben ist. Egal, ob Walter Flegel vor bis 1986 der NVA gedient hat und in der SED war. Ich bin überzeugt, dass in ihm ein Wandel stattgefunden hat. Aber, dass wollen viele nicht für wahrhaben. Walter Flegel wird bis zum Tod hinaus abgestempelt. In seinem Moselbuch schreibt er von menschlicher Wärme. Von seinen Rügengedichten bin ich beeindruckt. Ich verteidigte ihn nicht, weil er 20 Jahre unseren Literaturklub für Menschen mit und ohne Behinderung geleitet hat, sondern weil ich zuerst das Gute im Menschen sehe. Und, dass sollt in einem Nachruf im Vordergrund stehen.

» Paulkiefer | 16.06.2011, 13:33

Zum Tod Walter Flegel


Zum Tod Walter Flegel

Er strahlte menschliche Wärme aus

Als ich heute früh, am Mittwoch den 15. Juni meine E-Mails abrief, war auch eine Nachricht von dem Schriftsteller Henry-Martin Klemt dabei. Er hat in Facebook einen Nachruf zu Walter Flegel geschrieben. Ich kann es noch nicht glauben. Vor 14 Tagen hat er noch meine Fabeln für ein Band lektoriert und das Vorwort geschrieben.
Ich habe Walter Flegel im April 1991 kennengelernt. Wir haben den Literaturklub für Menschen mit und ohne Behinderung ins Leben gerufen und haben uns alle 14 Tage im Haus der Begegnung getroffen. Leidenschaftlich und mit Hingabe hat er unseren Klub geleitet. Seine menschliche Wärme hat uns erreicht. Durch ihn wurde das Schreiben von Lyrik und Prosa zur Sucht. Er war unser „Vater und Lehrer“ der schreibenden Zunft.
In den 20 Jahren haben wir 6 Anthologien veröffentlicht. Vier Mal lasen wir auf der Leipziger Buchmesse. Zahlreiche Lesungen führten wir durch.
Wir haben Walter Flegel viel zu verdanken.
Rolf Gutsche

» sommersprosse | 16.06.2011, 17:01

Was ist ein Nachruf


Was für eine Zeitung, die sich eines solch schlechten Journalisten bedienen muss...!!!
Wikipedia: "Nachruf (Philipp von Zesen) ist eine Würdigung des Lebenswerks eines kürzlich Verstorbenen."
Was Herr Saab hier verfasst hat, ist noch unter Bildzeitungsniveau - mehr fällt mir dazu echt nicht ein. Die MAZ sollte sich diesbezüglich ein Beispiel an der pnn oder dem nd nehmen, die wissen wenigstens was sich gehört!

» mowgli | 29.06.2011, 13:09

Artikel von Karim Saab


Durch meine Tätigkeit im Literaturkollegium Brandenburg hatte ich das Glück, Walter Flegel kennenzulernen. Ich habe ihn als einen außerordentlich engagierten, feinfühligen, klugen und herzlichen Menschen und als exzellenten Autorenkollegen sehr geschätzt. Sein viel zu früher Tod erfüllt mich mit Trauer.
Herrn Karim Saab dagegen, der am 15.6.2011 in Ihrer Zeitung einen Artikel zum Tode Walter Flegels veröffentlicht hat, kenne ich nicht. Ich vermute auch, dass er Walter Flegel nicht kannte, sonst wäre es ihm wohl nicht möglich gewesen, etwas derart Menschenverachtendes zu Papier zu bringen. Ich bin empört und erschüttert über diesen Artikel. Einerseits, weil er eine Ohrfeige ist für Walter, für seine Familie und für alle, die ihn kannten. Andererseits, weil hier offensichtlich eine verspätete Abrechnung – aus welchen Gründen auch immer – erfolgt mit jemandem, der sich der Auseinandersetzung nicht mehr stellen kann, weil er tot ist. Das ist eine Haltung an Feigheit, Häme und Niedertracht, die kaum zu überbieten ist.
Ich protestiere entschieden gegen eine solche Form der „Berichterstattung“. Niemand hat nach seinem Tode einen solchen Artikel verdient. Und ganz bestimmt nicht Walter Flegel.

Doris Bewernitz
Freiberufliche Autorin, Berlin
www.doris.bewernitz.net

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