BERLIN - Dahinter begann Afrika. Jedenfalls für alle, die von Norden anreisten. Wer indes aus der Gegenrichtung kam, für den war Tolkte das Tor zum Vorderen Orient und zum Hellenismus der Mittelmeerstaaten. Für Europäer markierte die Stadt zwischen 300 vor und 350 nach Christus das Ende der Welt. Damals regierten hier, 2000 Kilometer südlich des zweiten Nil-Katarakts, die Könige und Königinnen von Meroë.
Tatsächlich zeugen die Ruinen, die seit 1995 von einem Team des Berliner Ägyptischen Museums aus dem Wüstensand des Sudan gegraben werden und heute den Namen Naga tragen, von einer „Brückenkultur“. Und wie weltoffen die war, kann nun in einer Ausstellung im Kunstforum der Berliner Volksbank staunend zur Kenntnis genommen werden, welche die Archäologen Dietrich Wildung und Karla Kröper eingerichtet haben.
Da stehen gewaltige Gewandskulpturen und eine Fayence der Göttin Isis, die ihre griechisch-römischen Vorbilder nicht leugnen können. Da ist eine Gruppe von Würfelfiguren zu sehen, die ikonografisch in der afrikanischen Stammeskunst wurzeln. Da wird auf einer kleinen Stele die füllige Königin Amani-shakheto von der schlanken Göttin Amesemi umarmt, die den ästhetischen Idealen nahe kommt, die im pharaonischen Ägypten Standard waren. Die meroitischen Hieroglyphen auf der Rückseite dieser Sandsteinplatte gelten zudem als die ältesten Schriftzeichen einer afrikanischen Sprache. Datiert sind die Stücke ins erste Jahrhundert nach Christus.
Damals war Naga das, was eine Pfalz im deutschen Mittelalter war – eine politische Repräsentanz und ein Handelsplatz, ein Ort, in dem die Herrscher regelmäßig Quartier nahmen. Von den Tempeln und Palästen, die sie mitten im Lebensraum der nomadischen Bevölkerung errichtet hatten, sind erst fünf Prozent erkundet. Aber die lassen ahnen, was unter Schutthügeln noch verborgen sein könnte. Thronpodeste, in die gefesselte Feinde gemeißelt, und Altäre, auf denen Thoth und Horus porträtiert sind, zum Beispiel. Im Zentrum des kreisrunden Schausaals ist so eine Tempel-Situation nachempfunden. Auch einer jener Widder, die rechts und links die Allee zum Heiligtum flankierten, ist vorhanden. Vor allem posieren jedoch Löwen, mal als Portalplastiken, mal als Wasserspeier.
Alle Funde sollen übrigens in ein noch zu bauendes Naga-Museum einziehen, für das der Architekt David Chipperfield die Pläne schon kostenfrei geliefert hat. Gesucht wird jetzt ein Sponsor, der 3,5 Millionen Dollar investieren möchte. Naga, dem die Unesco im Juni den Welterbe-Status zuerkannte, ist dieses Geld wert.
„Königsstadt Naga – Grabungen in der Wüste des Sudan“: Kunstforum der Berliner Volksbank, Budapester Straße 35, Berlin-Charlottenburg. Mo-So 10-18 Uhr. Bis 18. Dezember. (Von Frank Kallensee)