POTSDAM - Eines der schönsten Erlebnisse mit Vögeln hatte der Neu-Potsdamer Klemens Steiof im Ausland. Bei einem Urlaub im ägyptischen Badeort Hurghada wurde er im März 1985 Zeuge eines gewaltigen Zuges von Weißstörchen. An die 120 000 Exemplare machten sich auf zu ihrem Flug Richtung Norden. „Es hat zwei Stunden gedauert, bis die ganze Gruppe durchgezogen war“, schwärmt der studierte Landschaftsplaner.
Auch die Heimat bietet dem gebürtigen Berliner genügend Anschauungsmaterial. „Ich fahre zum Beispiel gern auf die Deponie Wannsee“, sagt der 52-Jährige. „Das ist ein guter Punkt für Vogelzugbeobachtungen.“ Gut ist es auch im Park Babelsberg. „Dort gibt es eine ganzes Potpourri von Brutvögeln.“ Ihnen spürt Steiof stets mit seinem Notizbuch nach. „Wichtig ist, dass man, wenn man den Vogel erst gehört hat, ihn auch sieht. Wenn man so einem Vogel nachgeht, prägt sich das schon ein.“ Zwischen 60 und 70 Vogelarten könne man an einem guten Vormittag dingfest machen, sagt Steiof.
Menschen wie Steiof ist es zu verdanken, dass die Ornithologie, die wissenschaftliche Vogelkunde, Beobachtungsdaten hat, wie sie sonst in keiner anderen Wissenschaft vorkommt. „Die Laien sind mit uns auf Augenhöhe“, sagt Katrin Böhning-Gaese vom Forschungszentrum für Biodiversität und Klima in Frankfurt am Main. Fünf Tage lang finden seit gestern Laien und Wissenschaftler auf dem Potsdamer Universitäts-Campus Griebnitzsee zusammen. Rund 500 Teilnehmer vermeldet die Deutsche Ornithologen-Gesellschaft (DO-G) für ihre 144. Jahresversammlung. Es gibt über 60 Vorträge, die vom Schutz des Seggenrohrsängers bis hin zur Schätzung der Population bei Auerhähnen mittels DNS-Analyse reichen.
Zum ersten Mal in ihrer Geschichte richtet die Gesellschaft ihre Tagung in der Landeshauptstadt Brandenburgs aus. Das ist eine Art Heimkehr in eine Region, die nicht nur von ihrer Vogelwelt her Einzigartiges zu bieten hat, sondern in der auch die Ornithologie im vergangenen Jahrhundert einen stürmischen Aufschwung nahm. Was 1911 mit einem Treffen von 18 Teilnehmern in einem Privathaus in Eberswalde seinen Anfang nahm, ist heute eine Großveranstaltung von 450 aktiven Mitgliedern bei der Arbeitsgemeinschaft Berlin-Brandenburgischer Ornithologen (Abbo). „Durch die Liebe der Menschen zu den Vögeln kommen wir zu sehr vielen Daten“, sagt DO-G-Präsident Franz Bairlein, der die Gesamtzahl seiner Mitglieder auf 2000 beziffert. Und Vögel seien für viele Fragen interessant. Zum Beispiel für Fragen des Klimawandels, der Thema der Jahreshauptversammlung ist.
Ein Indikator für den Klimawandel sei der Vogelzug. „Das kann sich um zwei Wochen verschieben“, sagt Biodiversitätsforscherin Böhning-Gaese. Letztlich seien alle Zugvogelarten betroffen. Wolfgang Mädlow, Vorsitzender der Abbo, weiß auch, dass im Linumer Luch inzwischen Kraniche sogar schon überwintert haben. „Sie fressen dann zum Beispiel die Erntereste vom Maisanbau auf.“
Aber auch das Auftauchen von Vogelarten, die bisher nicht in unseren Breiten vertreten waren, zeigt den Ornithologen, dass der Klimawandel keine Panikmache ist. Ein beliebtes Beispiel ist der Bienenfresser. Der insektenfressende Vogel flatterte bisher vor allem in Südfrankreich, Italien und Ungarn herum, jetzt schwirrt er auch durch deutsche Lüfte. Dagegen zieht sich der graugrüne Fitis aus der Familie der Grasmückenartigen immer mehr aus unseren Breiten zurück. Weil er hierzulande offenbar kaum noch Nahrung findet, sind seine Brutgebiete heute eher in Südskandinavien aufzustöbern. Für die Forscherin Böhning-Gaese steht fest: „Es gibt eine Umorganisation der Arten.“ Diese werden damit indirekt zum Indikator für das Fortschreiten und die Intensität des Klimawandels.
Eine Umorganisation ganz anderer Art schafft auch die Landwirtschaft. „Die Vögel der Agrarlandschaft sind unsere Sorgenkinder“, sagt der Brandenburgische Chef-Vogelkundler Wolfgang Mädlow. Ob die als märkischer Strauß bekannt gewordene Großtrappe oder der kleine Seggenrohrsänger: Was früher einmal zu den weit verbreiteten Arten gehörte, ist wegen der menschlichen Eingriffe und der Nutzung durch Bauern zu einem kläglichen Rest geschrumpft. Waren noch in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts im ganzen Gebiet Brandenburgs Tausende Großtrappen zu finden, gab es Mitte der 90er Jahre in den letzten drei verbliebenen Lebensräumen der Laufvögel gerade mal noch 57 Individuen. Inzwischen hat sich der Bestand – auch durch menschliche Aufzucht – auf fast 120 Vögel erhöht. Bei den Seggenrohrsängern will man dagegen derzeit an der Oder den Gesang von gerade mal 50 Männchen vernommen haben. „Auch die Feldlerche ist auf dem absteigenden Ast“, sagt Mädlow. Selbst der Weißstorch gehe seit 2006 in seinen Beständen zurück. Die Uferschnepfe sei eine Art, die als nächstes ganz verschwinden werde.
Schuld sind vor allem die Monokulturen und nicht zuletzt der Anbau neuer Energiepflanzen, die zu einem eigenen Thema auf dem Kongress geworden sind. „Wenn auch noch die letzte Fläche für den Energieanbau genutzt werden muss, dann gibt es einen echten Konflikt mit dem Naturschützer“, prophezeien Vogelkundler wie der DO-G-Chef Franz Bairlein, die deshalb zum frühzeitigen Dialog zwischen Landwirten und Naturschützern aufrufen.
Dagegen geht es anderen Arten gerade im gewässerreichen Brandenburg ziemlich gut. „Der Drosselrohrsänger hat ganz gut zugenommen“, weiß Mädlow aus Brandenburg zu berichten. Besonders spektakulär ist natürlich auch das zunehmende Vorkommen der Seeadler. Und auch die einstmals stark durch Jagd dezimierten Kolkraben schwirren sogar unmittelbar vor den Toren Potsdams.
Vogelschutzmaßnahmen auch und gerade in Brandenburg sind häufig ein Thema der Vorträge. Der Biologe Jochen Bellebaum vom Projekt Auenwiesenschutz des Nabu Brandenburg berichtet zum Beispiel, dass die EU und der Bund für vier Projekte zugunsten des kleinen Seggenrohrsängers rund zwölf Millionen Euro ausgeben. Da fahren umgebaute Pistenraupen mit großen Räumgeräten ins Schilf und machen den dichten Bewuchs platt, der für die kleinen Brüter eigentlich ziemlich ungünstig ist. Durch das behutsame Bemähen der Brutgebiete etwa im östlichen Polen im Nationalpark Biebrza konnte die Population so zumindest konstant gehalten werden.
Torsten Langgemach von der Staatlichen Vogelschutzwarte Brandenburg ist bei Trappen verhalten optimistisch. „Unser Grünland wird wieder bunt“, nennt er als ein Beispiel. „Die Pflanzenzahlen steigen wieder.“ Dies komme den Vögeln zugute, die wieder mehr Nahrung finden. So sei die vergangene Brutsaison ganz gut gewesen. Auch das Auswildern funktioniere ordentlich. Die Elterntiere lehrten ihren in Freiheit geborenen Jungen alles, was sie zum Überleben brauchten.
An den Trappen zeigt sich übrigens, dass manchmal Naturschutz gegen Naturschutz stehen kann. Füchse jagen die nur in Brandenburg vorkommende Vogelart, zum anderen stürzen sich aber auch die zahlreich gewordenen Seeadler gern auf die großen Leckerbissen. Aber Langgemach beruhigt: „Sie müssen keine Angst haben, dass wir nun ein Adlermanagement betreiben.“ Sprich: Die Greifer werden nicht zugunsten des Fußvolkes abgeschossen. (Von Rüdiger Braun)