„Die besseren Zeiten“ aufgenommen. Mit Haase sprach
Marika Bent.
MAZ: Stimmt es, dass Sie in Leipzig einige Jahre in einer Jurte gewohnt haben?
Christian Haase: In einem Teppichzelt in einer Fabriketage nahe am Leipziger Bahnhof. Als ich dort eingezogen bin, stand die Etage leer. Zum Musikmachen war das nicht gut, weil es so schallte. Ich habe sechs Stahlseile spannen lassen und Auslegware drüber gelegt. Das sah dann aus wie ein Beduinenzelt. Vier Jahre habe ich in der Jurte gewohnt. Das war gemütlich.
Ein guter Ort, um Lieder zu schreiben?
Haase: Ja, sehr. Ich hatte dort einen großen Schrank drin mit einer riesigen Spiegelwand. So ergaben sich zwei Blicke: einmal zum Fenster raus, Richtung Bahndamm auf meine Heimatstadt Leipzig und dann die Spiegelfront. Zwischen den beiden Polen gingen meine Blicke immer hin und her. Realität und gespiegelte Welt. Davon handelt das erste Lied auf der neuen Platte. Darin geht es um Träume und Chancen, die man dann doch nicht ergreift. Aber letztlich kann man’s doch. Man muss nur mal losgehen.
Sie kommen eigentlich vom Folk. War der Weg zum Rock schwer?
Haase: Stimmlich war er schwer. Dafür braucht es einfach mehr Kraft in der Stimme. Sagen wir mal so: Der Folkgesang ist ne schöne Luftmatratze, mit der man schön planschen kann. Und dann gibt’s die Rock ’n’ Roll-Typen, die mit ihrer Stimme wie auf schnittigen Surfbrettern ihre Musik wie eine Welle reiten. Ich möchte mich mit meinem Surfboard auch auf die Welle setzen, aber auch noch oben bleiben. Dafür braucht man Übung.
Warum haben Sie das Album zweimal aufgenommen? Ärger mit dem Produzenten?
Haase: Nein, gar nicht. Da waren musikalische Gründe ausschlaggebend. Wir hatten die Instrumente einzeln eingespielt und das klang einfach nicht lebendig. Das Fundament eines Albums sollte ein gemeinsames Live-Einspiel sein. Wenn jeder einzeln einspielt, leidet die Dynamik. Also haben wir es gemeinsam noch einmal aufgenommen. Wir wollten ein klassisches Rock-Album produzieren. Für mich als Songschreiber ist das Konservative in dem Fall kein Experiment. Wir wollten den Rock ’n’ Roll nicht neu erfinden. Sagen wir mal so: Der Rock steht mir ganz gut.
Den Texten merkt man den Liedermacher aber noch an. Sie erzählen Geschichten. Die von „Benzin im Kopf“ klingt ziemlich hart.
Haase: Der Anlass für das Lied war eher harmlos. Ich hatte vor einiger Zeit zehnjähriges Klassentreffen. Dort traf ich Leute wieder, mit denen ich in den 90er Jahren in Leipzig rumgezogen bin und die sich enorm verändert haben. Das Lied ist eine Erinnerung daran, was man einmal sein wollte. Das ist vielleicht der Radikalismus an dem Lied. Ein Freund war ein richtiger Punk, der bildlich gesprochen Benzin im Kopf hatte. Heute ist er Pullunderträger mit Hornbrille und iPhone. Na gut, ein iPhone habe ich auch.
Eine andere Nummer sticht heraus: Eine Polka, die sehr nach Gerhard Gundermann klingt. Sie singen ja nun auch in seiner alten Band „Die Seilschaft“ und haben sich als Gundermann-Interpret einen Namen gemacht. Ist es schwierig für Sie, den Gundermann in sich wieder abzuschütteln?
Haase: Die Nummer sticht heraus. Das stimmt. Sie ist ein Live-Gaudi-Stück. Es macht einfach Spaß,
so was zu spielen. Dass mir Gundermann irgendwie immer auf der Schulter sitzt, macht mir keine Nackenschmerzen mehr. Ich habe es doch zu einem guten Schluss gebracht, indem ich jetzt zusammen mit der Seilschaft spiele. Was soll denn jetzt noch kommen? Ich könnte noch sein Leben nachdrehen, vielleicht. Ich kann mich doch nicht gegen ihn sträuben. Das ist so, als würde bei dir zu Hause ein Geist wohnen. Lass ihn doch bei dir leben. Es ist einfacher, sich mit seinen Geistern zu befreunden, als sich ständig mit ihnen zu streiten. Außerdem kommen so auch viele neue Leute zu Haase-Konzerten.
Ihr neues Album heißt „Die besseren Zeiten“. Glauben Sie daran?
Haase: In dem Titelsong heißt es: Die besseren Zeiten stehen im Stau/Sie haben gesagt, sie kommen/nur wissen sie nicht wann genau. Mehr kann man nicht dazu sagen. Ist doch ein schönes Bild. Alle sitzen auf einer Party und warten auf die Kapelle oder aufs Hochzeitspaar. Sie sind noch nicht da, aber angekündigt.
Live solo am 29. Oktober, 20 Uhr, Arche, Carl-Schmäcke-Straße 33, Neuenhagen (Märkisch-Oderland):
Live mit Band am 12. November, 21 Uhr,
Wabe, Danziger Str. 101,
Berlin-Prenzlauer Berg.