BERLIN - Gerichtsurteile pflastern den Raum in der Vollzugsanstalt Charlottenburg. Die weißen Blätter liegen auf dem Boden und kleben an der Wand; außer diesem Teppich aus bedrucktem Papier ist erst einmal nichts zu sehen. Bis einige Männer im Seidenpyjama und mit Goldlöckchenperücke geschmückt darauf erscheinen und etwas länger als eine Stunde den Sinn und Unsinn von Schuld und Unschuld ausbreiten. Es ist Franz Kafkas „Prozess“, den das Regieduo Dirk Moras und Krystof Minkowski dort frei nach dem Roman inszeniert hat.
Auf der Bühne stehen Inhaftierte. Sie schreien, sie fauchen und zischen die Episoden herunter – in den verschiedenen Sprachen: Russisch, Türkisch, am Ende wieder Deutsch. Die Zuschauer können stellenweise nur erahnen, ob die Darsteller als Verurteilte agieren, als Richter oder eine Facette ihres eigenen Lebens zeigen. „Ich bin Martin. Ich habe ein schweres Verbrechen begangen“, erzählt einer in die Runde der anonymen Kriminellen hinein, bevor er die Details eines Mordes ausbreitet.
Ein anderer regt sich über die Zustände seines Gastlandes auf: „Deutschland ist für mich ein freies, ein sauberes Land. Deshalb begreife ich diese Punker nicht“, brüllt er. Diese Episoden verstehen sich als Gleichnis, mit dem Roman haben sie nur noch wenig zu tun. Auf diese Weise wird Kafka tatsächlich zu einem Vergnügen.„Ich hab diesen Stoff bis heute nicht kapiert. Als ich hörte, wir sollen Kafka spielen, dachte ich ‚Fuck’“. Mitten im Stück wird ein Video auf die Wand projiziert. Darsteller Vitaly Polyakov erzählt darin von den Schwierigkeiten, die er anfangs mit der Materie hatte. Eine Art Making-off. Wie die meisten hat er den Roman bis heute nicht gelesen.
Moras und Minkowski haben ihnen die Geschichte dafür schnell erzählt: Josef K. wird erst grundlos verhaftet. Danach darf er sich aber trotzdem frei bewegen und seiner Arbeit nachgehen. Fortan versucht Josef K., am Gericht angehört zu werden. Vergeblich. Die Welt um ihn scheint sich verschworen zu haben.
Drei Theaterproduktionen hat das Regieteam bereits in der JVA für Frauen Pankow inszeniert. Nun diese erste in einem Männergefängnis. Rund 25 Inhaftierte hatten sich zuerst für die Kafka-Inszenierung gemeldet. Am Ende blieben nur acht übrig. Unterstützt hat sie das Theaterprojekt „Aufbruch“, das die Vielfalt künstlerischer Ansätze in der Berliner Gefängniskultur fördern möchte. „Mich hat es vor allem mal aus der Langeweile befreit“, erzählt Laien-Schauspieler Hussein Atwy.
Die meisten Darsteller spielen zum ersten Mal Theater. Atwy stand schon einmal in der Grundschule auf der Bühne. Sie alle agieren, als wären sie Profis. „Leider ist es genau dieses Talent, das einige von ihnen hier hineingebracht hat“, sagt Anstaltsleiter Robert Savickas.
6. und 7. Dezember 18 Uhr, JVA Charlottenburg, Friedrich-Olbricht-Damm 17, Berlin, Kartenverkauf: Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. (Von Marion Schulz)