POTSDAM - Unterrichtsausfall ist ein Thema, das die Eltern von Brandenburger Schulkindern zurzeit besonders auf die Palme bringt. Dabei macht es keinen Unterschied, ob die Kinder eine staatliche oder eine freie Schule besuchen – an beiden Schularten fällt nach dem Empfinden vieler Eltern zu oft der Unterricht aus. Vertretungsstunden seien zumeist fachfremd und brächten nicht viel.
Laut Bildungsministerium sind im Schuljahr 2008/09 an brandenburgischen Schulen fast eine Million Stunden ausgefallen. Die meisten davon wurden laut Ministerium aber von Vertretungslehrern gehalten, sodass am Ende nur knapp ein Fünftel der nicht gegebenen Stunden ersatzlos ausfiel. Diesen Zahlen misstrauen jedoch viele Eltern aus eigener Erfahrungen. So kommt der Landeselternrat auf einen „tatsächlichen Ausfall“ von fast neun Prozent.
Das „Bildungscamp“ nahe des Potsdamer Landtags – ursprünglich errichtet für Protestaktionen gegen die von Rot-Rot geplanten Kürzungen an freien Schulen – bildete am Donnerstagabend den Rahmen für den Disput zwischen Eltern und Schulleitern beider Schularten. „Vielleicht können wir von der jeweils anderen Schulart ja lernen, wie man Unterrichtsausfall besser in den Griff bekommt“, sagte der Initiator des „Bildungscamps“, Axel Kalhorn.
Für die Seite der staatlichen Schulen saß Bernd Bültermann auf dem Podium. Er ist Rektor der Eigenherdschule in Kleinmachnow. „Die Einschläge werden kürzer und heftiger“, beschrieb der langjährige Schulleiter die Situation an seiner Grundschule. Doch die staatliche Schule könne oft nicht flexibel auf den Ausfall reagieren. Die verfügbare Lehrerfeuerwehr reiche nicht, klagte Bültermann.
Ingesamt beträgt die Vertretungsreserve in Brandenburg nur drei Prozent über die gesetzliche Stundentafel hinaus. Über zwei Prozent verfügen die Schulen, ein Prozent verbleibt für Feuerwehreinsätze im jeweiligen Schulamt.
An ihrer Schule falle „kein Unterricht aus“, betonte dagegen die Leiterin der Waldorfschule Potsdam, Simone Sonntag. „Man kann in jedem Fall reagieren“, ist sie überzeugt. An der Waldorfschule findet allerdings ein Großteil des Unterrichts in Blöcken statt. Wenn ein Lehrer länger ausfällt, verschiebt sich der ganze Themenblock. Darüber hinaus verpflichten sich die Waldorflehrer, zwei Stunden pro Woche in unbezahlter Vertretungsbereitschaft an der Schule zu sein.
Das ist an staatlichen Schulen kaum zu machen. „Wir haben schon zwölf Poolstunden eingeplant. Doch bei 547 Wochenstunden an der gesamten Schule fällt das kaum ins Gewicht“, so Bültermann. An der Waldorfschule, die sich ihre Lehrer selbst aussuchen kann, ist fachliche Vielseitigkeit eine Einstellungsvoraussetzung. Auch das helfe, Vertretungslösungen zu finden, sagte Simone Sonntag. „Lehrer mit nur einem Fach gehen bei uns nicht.“ Dass der Stundenplan nicht eingehalten werden kann, liegt in 70 Prozent der Fälle an Erkrankungen von Lehrern. „Die Kollegen werden älter, das merkt man“, so Schulleiter Bültermann. An der Eigenherdschule liege der Altersdurchschnitt bei 51 Jahren. Obwohl das „gute kollegiale Gefüge“ auch Kraft spende, lasse sich die zusätzliche Belastung der Lehrer nur schwer mit Motivation ausgleichen.
Alle Anwesenden waren sich einig, dass die Zahl der Lehrer die entscheidende Stellschraube sein wird, wenn auch noch die Inklusion an den Schulen vorangetrieben wird. Inklusion bedeutet, dass behinderte und nicht behinderte Schüler künftig gemeinsam unterrichtet werden. „Ich bin von der Inklusion überzeugt, aber mit dem jetzigen Personal werden wir nicht die Kraft dazu haben“, resümierte Bültermann. (Von Nora Schareika)