POTSDAM - Sie wollen, dass die Schule im Dorf bleibt. Deshalb sind sie die 180 Kilometer vom äußersten Nordosten der Uckermark nach Potsdam gefahren. Deswegen ziehen sie mit rund 3.000 Demonstranten von der Wiese am Brauhausberg hoch zum Landtag. Unter Trillerpfeifen- und Trötenlärm schiebt sich der Tross Richtung „Kreml“. „Wir kämpfen bis zum letzten Tag“, sagt Alexandra Wuttig, auch wenn sie wenig Hoffnung hat, dass die Koalitionsabgeordneten von ihren Sparplänen noch abrücken.
Was aus ihrer Dorfschule wird, wenn wirklich 17 Millionen Euro bis 2014 bei den freien Schulen gekürzt werden – Alexandra Wuttig und ihre Mitstreiter mögen sich das nicht ausmalen. 280 Einwohner zählt Wallmow an der Grenze zu Polen. 70 davon sind Kinder. „Wir wirken dem demografischen Wandel entgegen“, sagt die dreifache Mutter. Viele Eltern seien wie sie extra in den Ort gezogen, weil sie ihre Kinder in der dortigen freien Schule unterrichten lassen wollen. Wenn die Schule bald das Schulgeld erhöhen müsse, wäre das Alternativangebot für kinderreiche Familien nicht mehr bezahlbar, sagt Wuttig mit Wut in der Stimme, während vom Vorhof des maroden Terrassenrestaurants „Minsk“ die Bässe hoch wummern: Mit lauten Beats gegen die Bildungsmisere.
„Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut“, skandieren Schüler, Eltern und Lehrer dazu. Tilman Janke steht mit seinen Schülern direkt an der Bühne neben der alten Schwimmhalle. „Ich bin wütend“, sagt der Lehrer an der Waldorfschule Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark). Dass er an einer freien Schule weniger verdient, macht ihm nichts aus. Aber dass künftig seine Schüler mit schlechteren Lernbedingungen leben sollen, das gehe ihm gegen den Strich. „Wir werden keine Ruhe geben!“, ruft der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft freier Schulen, Christoph Schröder, ins Mikrofon. Tilman Janke applaudiert. Schüler hauen dazu auf Pauken, trommeln mit Löffeln auf Kochtöpfe – auch wenn sie wissen, dass Krachschlagen nicht mehr viel nützt, der Haushalt für 2012 wohl morgen das Parlament passieren wird.
Von beiden Seiten schieben sich erneut Demonstranten Richtung Landtag. Zwei Teenie-Punks mit Irokesenschnitt und Ketten über den Lederjacken genehmigen sich einen Schluck aus der Mineralwasserpulle. Neben ihnen stapfen Grundschüler in Gummistiefeln den Berg hinauf. „Regierung in die Produktion“, „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“ und „Rot-Rot macht meine Schule tot“ steht auf ihren Plakaten, die langsam aufweichen. Die freien Schulen stehen im Regen, während im Warmen über ihre Zukunft debattiert wird.
„Es ist eine Milchmädchenrechnung, die die Regierung da aufmacht“, schimpft Jürgen Bossert. Erst vor vier Monaten ging das evangelische Gymnasium in Schönefeld (Dahme-Spreewald) an den Start. Ein staatliches Gymnasium gibt es in der Flughafen-Gemeinde nicht. Die freie Schule schließe eine Lücke im Bildungssystem und werde dafür nun zur Kasse gebeten, sagt Bossert, der Chef des Fördervereins ist.
Für die Schüler des evangelischen Gymnasiums Potsdam-Hermannswerder lohnt sich der Protest in jedem Fall. In Zeiten klammer Kassen bessern sie die Klassenkasse auf, verkaufen heißen Tee und Schokoriegel an die Demonstranten, während sich von Richtung des neuen Landtags am Alten Markt ein weiterer Protestzug nähert. „Wir haben ein Aktionsbündnis gegründet“, erklärt Günther Fuchs, Landeschef der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Auch Studenten und wissenschaftliche Mitarbeiter treibt die Rotstiftpolitik auf die Straße.
Was Rot-Rot plane sei „unfassbar“, sagt Sebastian Walter. Er studiert Geschichte und Lebensgestaltung/Ethik/Religionskunde an der Uni Potsdam. Und er ist Kreischef der Linken im Barnim. Die Abgeordneten sollten mit in die Hörsäle kommen, so der Kommunalpolitiker. „Eine Lehrkraft ist für 100 Studenten zuständig.“ Wenn die Regierung ernst mache mit ihren Kürzungen von 12 Millionen Euro bei den Hochschulen, werde es noch schlimmer. „Dann bin ich wohl in der falschen Partei“, sagt Walter und zieht zum „Kreml“. (Von Marion Kaufmann)