Mit dem Preußen-Thema lässt sich in Deutschland nicht mehr auftrumpfen. Das erfuhr schon Hartmut Dorgerloh im Vorfeld des Friedrich-Jubiläums, als er sich als Chef der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten vergeblich mühte, große Sponsoren zu gewinnen. Das musste auch der gestandene Drehbuch-Autor Uwe Wilhelm erleben, als er rechtzeitig das Skript für einen Fernseh-Zweiteiler einreichte und von den Sendeanstalten nur Ablehnungen kassierte. Der 54-jährige Wahlberliner bringt seine Idee nun als Roman in einem kleinen E-Publishing-Verlag heraus. Und als Bühnenstück in Potsdam. „Fritz! Ein Theaterspiel für den König von Preußen“ heißt es und wird am 12. Januar – als Präsent zum „Fest für Friedrich“ – vom Hans-Otto-Theater uraufgeführt.
Dass mit dem Alten Fritz heute so wenig Staat zu machen ist, findet der Autor mit dem urpreußischen Nachnamen „eigentlich auch ganz beruhigend“. Denn Uwe Wilhelm liegt nichts ferner, als die alte höfische Welt und ihre Akteure zu verklären. „Mein Stück erzählt keine Unwahrheiten, verbindet aber viele überlieferte Details zu einer spekulativen und spektakulären Krimi-Komödie“, erläutert er. Dafür versetzt er den Theaterbesucher nach Sanssouci in den Mai 1786. Der greise, griesgrämige König wird bald das Zeitliche segnen und die Schranzen am Hof stehen vor der Entscheidung, ob sie sich nicht besser schon jetzt auf die Seite des ungeduldigen Nachfolgers Friedrich-Wilhelm schlagen. Wenn sie ihm sogar mit Hilfe einer kleinen Gift-Ampulle vorzeitig den Thron freimachten, wäre das sicher zu ihrem Schaden nicht.
Erzählt wird die fiktive Geschichte von Henri de Catt, einem früheren Hofschreiber, der bei dem Intrigenspiel zwischen die Fronten gerät und von seinem Durchbruch als Künstler träumt. Dass der Schauspieler Raphael Rubino „kraft seiner menschlichen Masse“ der Rolle das nötige Gewicht verleihen wird, ist sich Uwe Wilhelm gewiss. Ob es Sinn macht, den Alten Fritz mit einer Frau zu besetzen, muss die Inszenierung von Tobias Wellemeyer zeigen. Doch Rita Feldmeier, seit
35 Jahren Mitglied des Potsdamer Ensembles, versteht sich wie keiner im Ensemble sonst auf die Darstellung mehrdeutiger Charaktere. Endlich ist die Grande Dame der Potsdamer Bühne wieder einmal in einer Hauptrolle zu sehen!
Uwe Wilhelm ist im Nachhinein sehr froh, dass sein Stoff im Theater gelandet ist. Denn im Theater hat er auch angefangen. Das heißt: Ganz ursprünglich wollte er Musiker werden, Gitarre, Saxofon und Bass sind seine Instrumente. Doch schließlich absolvierte er nach seinem Germanistik- und Philosophie-Studium in Frankfurt an der Essener Folkwang-Schule eine Ausbildung zum Schauspieler. In den 80er Jahren war er fest in Essen und Hannover engagiert, ehe er dieser Routine den Rücken kehrte. Anfang der 90er Jahre entschloss sich der Mann mit dem blanken Schädel, Autor zu werden. Von den 130 Drehbüchern, die er seither verfasst hat, sollen hier wenigstens vier genannt werden: „Bandits“ und die „Gebrüder Sass“ liefen 1997 und 2001 im Kino. Das Fernsehen strahlte 1995 „Das Mädchen Rosemarie“ und 2010 den Tatort „Heimatfront“ aus.
Viel Ruhm hat ihm seine beständige Arbeit nicht eingebracht. „Autoren für Kino und Fernsehen zählen nichts. In der Presse werden meist nur die Regisseure und Schauspieler aufgeführt“, sagt Wilhelm. Er kann aber von seiner Arbeit gut leben. Und die besteht darin, dass er den Produktionsfirmen und Sendern zehn- bis zwölfseitige Exposés einreicht. Etwa jedes Dritte stößt auf Gegenliebe. Doch ein Drehbuch bedeutet harte Arbeit und Kompromissbereitschaft bis zum Schluss. „Oft fühle ich mich wie ein Mediator, der die gegensätzlichsten Änderungswünsche von vielen Seiten berücksichtigen muss.“
Hinter der Kamera werde bei Weitem nicht so gründlich und genau gearbeitet wie im Theater, sagt Wilhelm. „Der Film legt den Autor auf einen sehr naturalistischen und realistischen Zugang fest. Da bleibt alles Fantastische und Surreale schnell auf der Strecke“, erklärt er weiter. Ohne die Sphäre der inneren Bilder ließe sich aber gerade die Biografie des Preußenkönigs nur unzureichend darstellen. „Friedrich hat ganz sicher unter so etwas wie einer posttraumatischen Belastungsstörung gelitten“, meint Wilhelm, der sich seit 2008 intensiv mit dem Alten Fritzen und dessen Unterjochung und Entwürdigung als Jugendlicher durch den berüchtigten Vater beschäftigt. Wilhelm verweist auf einen Aufsatz von Ernst Lürßen, der als Psychoanalytiker erklärt, warum der König als Feldherr immer wieder die irrwitzigsten Risiken eingegangen ist. Friedrich habe durch seine zwanghaften Handlungen die „Reinszenierung eines massiven Traumas“ heraufbeschworen. „Er suchte an vorderster Front geradezu die Situation der Todesgefahr, weil er sie kannte.“
Warum soll uns das im 21. Jahrhundert noch etwas angehen? Uwe Wilhelm meint, mehr als ein Historiendrama geschrieben zu haben: Auch heute gehe niemand heil durch seine Kindheit. „Jeder kriegt Schläge und Beschädigungen ab und muss dann sein Leben machen“, sagt der Vater einer 15-jährigen Tochter. „Manche kriegen die Kurve, andere werden Tyrannen.“ Als Beispiel nennt Wilhelm zwei Prominente, deren narzisstische Selbstinszenierungen von den Medien mit Vorliebe transportiert worden sind: den Schauspieler Klaus Kinsky und den russischen Präsidenten Wladimir Putin.
Die Friedrich-Problematik hat Uwe Wilhelm persönlich nicht kalt gelassen. „Ich suche immer Stoffe, die mich berühren, wo ich innerlich andocke und Leidenschaft entwickle.“ Im absolutistischen Hofstaat begegnet uns eine Welt, in der Verstellung an der Tagesordnung ist. Wilhelm, 1957 in Hanau am Main geboren, weiß von Freunden mit DDR-Biografie, wie sehr dieses Problem ihr Leben bestimmt hat.
Doch am Ende sind es auch immer wieder die kleinen Anekdoten am Rande, die Wilhelm an seiner Arbeit liebt. Wer zum Beispiel weiß, dass die spanische Nationalhymne „La Marcha Real“ („Der königliche Marsch“) von Friedrich II. komponiert worden ist?
Was die Theatergänger von dieser Friedrich-Aufführung auch erwarten – Bildung oder Identifikation, spannende Unterhaltung oder tieferen Sinn – Uwe Wilhelm will es liefern. (Von Karim Saab)
In Neuruppin und Rheinsberg schreibt Friedrich sein wohl bekanntestes Werk, den Antimachiavell. Erschienen ist es im Herbst 1740 in Den Haag, anonym. Doch niemand zweifelt daran, dass der junge preußische König Autor ist.
» weiter