TAIPEI - „Nein, ich habe kein Geld auf den Ausgang der Wahl gesetzt“, schwört der Kassierer der Genossenschaftsbank an der „Straße des Vertrauens“ im Zentrum von Taipei. „Aber einige meiner Bekannten haben mitgemacht.“ In Taiwan gehören Geldwetten zum Alltag – nun ist die Gelegenheit besonders reizvoll: Denn morgen werden die 23 Millionen Taiwaner nicht nur ein neues Parlament wählen, sondern auch entscheiden, ob der 61-jährige Präsident Ma Ying-jeou nach vierjähriger Amtszeit weiter regieren darf oder seine Herausforderin Tsai Ingwen an die Macht kommt. Der Ausgang ist offen – und die Wettquoten hoch.
Die junge Demokratie Taiwan, bis in die 80er Jahre unter Militärrecht, ist politisch tief gespalten. Ist Taiwan ein eigener Staat mit eigenen Kultur und Identität, wie viele Anhänger der 55-jährigen Oppositionskandidatin Tsai von der Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) glauben? Oder ist die Insel Teil der chinesischen Nation – getrennt nur durch den historischen „Unfall“, als Maos Kommunisten 1949 die Nationalisten besiegten? So denkt nicht nur die KP auf dem Festland, so denkt auch Mas Nationalpartei Kuomintang. Die Eltern vieler ihrer Mitglieder flüchteten nach verlorenem Bürgerkrieg auf die Insel. Ihren Anspruch, auf das Festland zurückzukehren und das wahre China zu zeigen, hat die Partei nie aufgegeben.
Der 61-jährige Jurist Ma stellt sich als Garant für Sicherheit und Stabilität dar, der sich bemüht, gute Beziehungen zu China zu schaffen – zum Nutzen Taiwans: „Wir bauen den Frieden“, sagt er. Tatsächlich hat er in den letzten vier Jahren viel erreicht. Das Verhältnis zu Peking ist besser geworden – auch wenn die KP nach wie vor mit einem Militärschlag droht, sollten sich die Taiwanesen für „unabhängig“ erklären. Touristen aus der Volksrepublik dürfen seit 2008 Taiwan bereisen, chinesische Studenten auf der Insel studieren. Mehr als 500 Direktflüge wöchentlich erleichtern Geschäfte und Besuche, mindestens 200 000 Taiwanesen leben und arbeiten in China.
Die Oppositionskandidatin Tsai hat wie Ma in den USA Jura studiert – und stammt wie er aus einer gutsituierten Familie. Doch die 55-Jährige hat sich früh auf die andere Seite geschlagen – aus Furcht, dass die Kommunisten die Insel mit ihrer wirtschaftlichen Kraft und ihren Investitionen schlucken könnten. Im Fall ihres Wahlsieges, fürchten viele Taiwaner und die Regierung in Peking, könnte sie die Annäherung an China wieder stoppen. Ihre DPP macht sich für soziale Themen stark, kritisiert die wachsende Kluft zwischen Arm und reich und verspricht, Renten und Sozialhilfen zu steigern. Um ihre Verbindung zum Volk zu zeigen, hat die Partei vor ihrem Wahlbüro einen Triumphbogen aus Plastiksparschweinchen errichtet – das Geld aus diesen Sparbüchsen hatten Anhänger für den Wahlkampf gespendet. (Von Jutta Lietsch)