POTSDAM - Nach neun Jahren gibt Ulf Hahn den Vorsitz im Vermieter-Arbeitskreis Stadtspuren ab. Über die Wohnungssituation in Potsdam sprach mit ihm Volkmar Klein.
MAZ: Herr Hahn, am 28. Dezember demonstrierten Jugendliche für bezahlbaren Wohnraum und gegen die Pachterhöhung bei alternativen Wohnprojekten. Weist das auf ein soziales Problem hin oder eher auf überzogenes Anspruchsdenken einiger Hausbesetzer?
Ulf Hahn: Beides stimmt. Es ist schon merkwürdig, wenn die Leute vom Wohnprojekt Pasteurstraße fordern, dass man ihre vertraglich festgelegte Pachterhöhung seitens der Pro Potsdam quersubventionieren soll. Das heißt doch im Klartext, andere Mieter sollen dafür aufkommen. Ich gehe aber auch nicht in die Babelsberger Kneipe von Lutz Boede (alternative Wählergruppe Die Andere – d.R.), bestelle ein Bier und sage: Das soll der da drüben bezahlen.
Ja, aber welche Chance auf eine bezahlbare Wohnung hat ein 25-Jähriger heute in Potsdam, wenn er nicht mehr bei Mutti leben will?
Hahn: Eine denkbar schlechte. Die preisgünstigen Quartiere sind alle besetzt. Es ist ja nicht so, dass hier alle Leute zehn Euro für den Quadratmeter zahlen. Die Gewoba vermietet 80 Prozent ihrer Bestände für weniger als sechs Euro Nettokaltmiete. Auch in meiner Genossenschaft „Karl Marx“ liegt die Durchschnittsmiete unter 5,50 Euro. Nur wer erstmals eine Wohnung sucht, wird inzwischen mit einer Marktmiete ab acht Euro aufwärts konfrontiert, die sich besonders junge Menschen, Rentner und Alleinerziehende kaum leisten können. Wir reden hier also nicht über ein Problem sozialer Randgruppen. Diese Demo sehe ich nur als Spitze des Eisbergs.
Viele Jugendliche kehren der Stadt den Rücken, obwohl sie gern hier leben würden?
Hahn: Ja, der Prozess ist längst im Gange. Vor zehn Jahren haben wir festgestellt, dass wir die Studenten alle nach Berlin vergrault haben. Das konnten wir uns noch schönreden nach dem Motto: Die wollen dahin, weil man besser Party machen kann. Inzwischen stellen wir fest, dass auch junge Leute vom hiesigen Wohnungsmarkt verdrängt werden, die mit Studium und Ausbildung fertig sind und sich mit ihrem ersten Einkommen etablieren wollen. Potsdam verliert damit Fachkräfte, junge Wissenschaftler, Zukunftsfähigkeit. Der Anteil der Miete am verfügbaren Einkommen ist besonders bei jungen Haushaltsvorständen, Singles über 40 und bei Alleinerziehenden im kritischen Bereich. Da geht im Durchschnitt deutlich mehr als ein Drittel für die Miete drauf.
Und letztlich zahlt dann doch wieder die Mama...
Hahn: Genau. In vielen Fällen müssen Oma, Opa oder die Eltern als alleinige Bürgen für junge Leute einstehen.
So weit die finstere Analyse. Und nun die Schuldfrage?
Hahn: Die Politik ist lange untätig geblieben. Zusammen mit Pro-Potsdam-Chef Horst Müller-Zinsius hat Stadtspuren-Koordinator Carsten Hagenau schon beim Stadtforum 2006 vor den Konsequenzen gewarnt, wenn es keine Förderung für sozialen Wohnungsneubau mehr gibt und die Belegungsbindungen auslaufen. Damals hat selbst Linken-Fraktionschef Hans-Jürgen Scharfenberg gelassen erklärt: Das wird der Markt regeln. Wer nach neuen Förderprogrammen gerufen hat, wurde schief angeguckt. Damals hätte man bei solchen Instrumenten noch aufrüsten können, heute müssen wir mühsam gemeinsam neue erfinden.
Es gibt Fördergeld für klimafreundliche Sanierungen...
Hahn: Sicher. Trotzdem verschärft sich das Kostenproblem weiter. Die demographische Entwicklung zwingt zu mehr altersgerechten Umbauten, die Wohnungsunternehmen werden als größte Energiefresser dargestellt und stehen angesichts des Klimawandels unter dem Erneuerungsdruck des Gesetzgebers und eines städtischen Klimaschutzkonzeptes. Das ist dramatischer als vor sechs Jahren, und keiner fragt, wer es bezahlt. Es landet aber immer beim Mieter.
Das so genannte energetische Bauen hilft aber zumindest, die Betriebskosten nicht ausufern zu lassen, oder?
Hahn: Trotzdem sind sie in den vergangenen fünf Jahren doppelt so schnell gestiegen, wie die Verbraucherpreise. Und dabei ist unser kommunaler Versorgungskonzern der größte Kostentreiber. Im Arbeitskreis wundern wir uns deshalb, dass in der Transparenzdebatte um die Stadtwerke nie die Offenlegung der Preiskalkulationen gefordert wurde. Bei Wasser, Abwasser und Fernwärme sprechen wir über ein Monopol. Wir wissen, dass aus den Gewinnen der Verkehrsbetrieb finanziert wird. Aber ist das gerecht, dass die Mieter in den fernwärmeversorgten Plattenbau-Gebieten ungefragt für alle Potsdamer die Straßenbahn bezahlen müssen? Nein, das ist undemokratisch.
Da muss man den Genossenschaftschef von „Karl Marx“ mit Lenin fragen: Was tun?
Hahn: Querdenken. Heilige Kühe wie den Fernwärmezwang schlachten. Oder: Die Landesregierung sagt stur, sie fördert keinen Neubau, so lange abgerissen wird. Aus Ratlosigkeit haben wir einmal durchgespielt, wie es wäre, alle Potsdamer Hartz-IV-Empfänger nach Brandenburg/Havel umzusiedeln, statt dort die Plattenbauten abzureißen. Bei uns würden Wohnungen frei. Und die Umsiedler wären mit dem Zug in einer halben Stunde in Potsdam.
Das ist ja wohl absurd!
Hahn: Natürlich ist es das. Aber man kann sich ernsthaft fragen, ob es wirklich ein Grund zum Feiern ist, dass jährlich 2000 Menschen zuziehen, die den Wohnungsmarkt belasten und die Mieten hochtreiben. Man muss sich fragen, ob Sanierung nach Klimastandards flächendeckend nötig ist. Wir müssen über Angemessenheit von Wohnraum reden, aber dann auch dafür sorgen, dass die Oma nicht eine höhere Miete zahlt, wenn sie die große Wohnung gegen eine kleine tauscht. Wir müssen an Eigenverantwortung appellieren: Man sollte mit 65 nicht mehr in den fünften Stock ziehen und fünf Jahre später nach altersgerechtem Wohnungsumbau und einem Aufzug rufen.
Das klingt alles plausibel, aber nicht wie der große Wurf.
Hahn: Den gibt es nicht. Deshalb ist es gut, dass es jetzt dieses Expertengremium zur Erarbeitung eines wohnungspolitischen Konzeptes gibt, wo Klimaforscher, Statistiker, Stadtwerke und Wohnungswirtschaft das Thema aus allen Perspektiven angehen. Wenn es da irgendwo Stellschrauben gibt, müssen die so gedreht werden, dass das Wohnen für Alle in Potsdam erschwinglich ist.
Aber mal ehrlich, als Vermieter können Sie sich doch die Hände reiben, oder?
Hahn: Klar, der Markt gibt jeden Preis her. Unsere letzten Neubauten hätten wir locker für zehn statt acht Euro vermieten können. Aber als Genossenschaft stehen wir für eine sozial verantwortbare Wohnungsversorgung.
Nur noch wenige Wochen, dann sind die Tage wieder länger als die Nächte. Der Abgesang des Winters wird am Himmel durch einen gut zu beobachtenden Wettlauf zwischen den Planeten Venus und Jupiter begleitet. Auch Mars und Saturn sind zunehmend besser zu sehen. Und man kann den Orionnebel genauer beobachten, ein Lieblingsobjekt der Hobby-Astronomen. Denn man schaut in einen „Kreißsaal“ für Sterne.
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