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25.01.2012

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Der Sturz eines Ehrenbürgers

Die Stadt Spremberg wird Erwin Strittmatter nicht zum 100. Geburtstag feiern

SPREMBERG - Nicht alle Tage wird eine Sitzung des Hauptausschusses im Spremberger Rathaus von auswärtigen Journalisten verfolgt. Am Montagabend stand die Frage zur Abstimmung, ob sich die 25 000-Einwohner-Stadt an der Erwin-Strittmatter-Ehrung beteiligen soll. Über den am 14. August 1912 in Spremberg geborenen Romancier wurde in den letzten Jahren sehr grundsätzlich diskutiert.

Zwei Jahre nach seinem Tod, 1996, wurde bekannt, dass der prominente DDR-Autor von 1958 bis 1964 als Geheimer Informant für die DDR-Staatssicherheit tätig war. Und 2008 folgte dann die Enthüllung, dass Strittmatter in einer berüchtigten SS-Einheit mitgewirkt hat, ohne darüber je konkret Zeugnis abgelegt zu haben.

Das Ergebnis fiel mit sechs zu zwei Stimmen bei einer Enthaltung überraschend deutlich gegen eine Strittmatter-Ehrung der Stadt aus. Dafür votierten lediglich die Linken. Die CDU-Abgeordneten hatten es sich in letzter Minute anders überlegt und folgten den Argumenten von Andreas Lemke, Vorsitzender der SPD-Fraktion. Der 53-Jährige trug eine vierseitige Erklärung vor, die eine intensive Auseinandersetzung mit den wunden Punkten der Biografie bezeugte.

Es sei „ein dumpfes Argument, dass man im Dritten Reich gezwungen war, sich so wie Strittmatter zu verhalten, um durchzukommen“. Der 30-jährige Strittmatter, der in seinem Betrieb eigentlich „uk – unabkömmlich gestellt war“, habe sich „bei der SS oder Ordnungspolizei“ aus freien Stücken angedient. Später habe er versucht, „sich mit der Aussage, ,dauernde Scham lähmt’, herauszureden“, so Lemke.

Der Literaturwissenschaftler Werner Liersch, der im Juni 2008 Strittmatters Vergangenheit publik gemacht hatte, begrüßte die Entscheidung. Er hatte sich zuvor in einem Brief an Sprembergs Bürgermeister Klaus-Peter Schulze (CDU) gewandt. Liersch wirft insbesondere der Erwin-Strittmatter-Gesellschaft vor, dass sie der Stadt „eine unzeitgemäße Rolle aufzwingen wollte“ und sieht im Festhalten „an einem fiktiven Strittmatter“ eine „hartnäckige Realitätsverweigerung“. Auch dessen Werk tauge nicht als Legende. „Die Darstellung des Krieges in Griechenland in ,Grüner Juni’ ist zutiefst unwahr. Und die Abrechnung mit seinem systemkritischen Spremberger Freund, dem Dichter Peter Jokostra, im ,Wundertäter’ als Jo Ostra ist unappetitlich“, sagte Liersch.

Sein jüngerer Kollege Peter Walther, der beim Brandenburgischen Literaturbüro für die Pflege der regionalen Literaturgeschichte verantwortlich zeichnet, versteht diese Aufgebrachtheit nicht. „Strittmatter wird auch künftig seine Bedeutung behalten, weil ihm viele Milieubeschreibungen glücken und die Leser in seinen Büchern ihren Alltag wiederfinden“, sagte er. Strittmatters Biografie stehe für die Brüche des 20. Jahrhunderts, für Licht und Schatten, sagte Walther. Man dürfe sich nicht nur eine Seite heraussuchen.

Auch René Strien, Geschäftsführer des Aufbau-Verlags, sieht genügend Substanz in Strittmatters Prosa und lobt „das genaue Hinsehen“. Als Lektüre empfiehlt er aber nicht eine der großen Roman-Trilogien („Der Wundertäter“, „Der Laden“), in denen Strittmatter autobiografische und zeitgeschichtliche Erfahrungen verarbeitet hat, sondern die kleine Betrachtung „Vor der Verwandlung“. Man könne vom Aufbau-Verlag keine Nibelungentreue erwarten, wenn Verbrechen gegen die Menschlichkeit bekannt würden. „Dafür gibt es bisher aber keine Nachweise und im Zweifel sind wir für den Angeklagten“, so Strien.

Eine Edition der Strittmatter-Briefe vor 1945 stellte er nicht in Aussicht. In ihnen werde deutlich, dass Strittmatter in einer „ständigen Auseinandersetzung mit seinem Pro-Nazi-Vater“ lebte, ihm einerseits gefallen wollte, ihn aber auch gern provozierte. (Von Karim Saab)


INTERVIEW: Wenige Wissenschaftler dürfen das Material sichten

Wie künftig mit dem Nachlass von Erwin Strittmatter umgegangen wird, können die drei Söhne des Schriftstellers bestimmen. Den Sprecher der Erbengemeinschaft, Jakob Strittmatter, befragte Karim Saab.

MAZ: Wie geht es mit Schulzenhof bei Gransee weiter? Was plant die Erbengemeinschaft mit dem Anwesen?

Jakob Strittmatter: Das Strittmatter-Gehöft in Schulzenhof wird von meinen Brüdern, Ilja Strittmatter und Erwin Berner, mir selbst und meiner Familie bewohnt. Der Wunsch Erwin und Eva Strittmatters war es, dass dieses Gehöft in seiner bisherigen Form als Ort der Erinnerung erhalten bleiben solle. Diesem Wunsch der Eltern versuchen die Söhne zu entsprechen. Gelegentlich ermögliche ich interessierten Strittmatter-Lesern die Besichtigung des Gehöftes.

Wie werden die Erben mit dem schriftlichen Nachlass umgehen?

Strittmatter: Sämtliche Dokumente aus den Nachlässen Erwin und Eva Strittmatters befinden sich derzeit als Depositum im Literaturarchiv der Akademie der Künste in Berlin. Dort wurde bereits mit der Erschließung und Verzeichnung der Nachlässe begonnen. Die Arbeiten werden, da es sich um zwei sehr umfangreiche Nachlässe handelt, noch sehr lange Zeit in Anspruch nehmen.

Eva Strittmatter hat zu Lebzeiten auch Wissenschaftlern den Einblick in Briefe, Tagebücher und auch in frühe Romane von Erwin Strittmatter verwehrt. Wird an derartige Dokumente wirklich bis 70 Jahre nach seinem Tod kein Herankommen sein?

Strittmatter: Der Zugang zu den Dokumenten ist derzeit nur für sehr wenige Wissenschaftler und nur mit der ausdrücklichen Einwilligung der Archivgeber möglich, wobei die Archivgeber darauf achten müssen, dass die Arbeit der Archivarinnen nicht behindert wird. Perspektivisch sollen beide Nachlässe für die Forschung zugänglich gemacht werden. Nutzungseinschränkungen ergeben sich zwangsläufig – vor allem aus der Pflicht, die Persönlichkeitsrechte noch lebender, aber auch bereits verstorbener Personen, zu schützen. Einige Dokumente werden daher in Zukunft für die wissenschaftliche Nutzung gesperrt bleiben.



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