Nach vielen Jahren ist endlich die Tucholsky-Gesamtausgabe vollendet. Der Autor spielte mit Pseudonymen, nannte sich Theobald Tiger, Peter Panter oder Kaspar Hauser. Aber jeder Leser wusste, dass der Verfasser niemand anderes war als Kurt Tucholsky. Der 1890 in Berlin Geborene und 1935 im schwedischen Exil Gestorbene war ein Multitalent, der genaueste Beobachter und scharfzüngigste Kritiker seiner Zeit.
Im Rowohlt-Verlag wird seit Langem an einer Gesamtausgabe seiner Texte und Briefe gearbeitet. Jetzt endlich, nach 15 Jahren, sind die letzten beiden der auf 22 Bände angelegten Edition erschienen.
Verlag und Herausgeber wollten lange nicht wahrhaben, dass die bisherigen Editionen schlampig gemacht waren, sich jeder nach Gutdünken seinen Tucholsky zurechtgebogen, gekürzt und verschlimmbessert hatte. Doch die Sisyphos-Arbeit hat sich gelohnt: Die Bücher sind nicht nur gewichtige Ziegelsteine, sie zeigen auch einen begnadeten Satiriker, feinfühligen Lyriker und wortgewaltigen Kritiker und sind eine wahre Fundgrube des literarischen, politischen und historischen Wissens.
Einer der finalen Bände enthält Texte aus den Jahren 1932-1933, die letzten Gedichte und Polemiken, die Tucholsky vor seinem Freitod verfasst und noch zur Veröffentlichung freigegeben hat. Er sei, sagt er selbstironisch, ein „aufgehörter Schriftsteller“ und „aufgehörter Deutscher“, er ist desillusioniert und melancholisch, aber doch noch einmal bereit, sein Wort in die Waagschale zu werfen. Tucholsky polemisiert gegen die beginnende Gleichschaltung von Funk und Film, tritt vehement für seinen Freund Carl von Ossietzky ein, der als verantwortlicher Redakteur der „Weltbühne“ zu einer 18-monatigen Gefängnisstrafe verurteilt wird, weil er einen Artikel hat drucken lassen, in dem es hieß, Soldaten seien Mörder. Als Kaspar Hauser schreibt er einen satirischen „Schulaufsatz“ zum Thema „Hitler und Goethe“, in dem er aus vermeintlich kindlicher Sicht ideologische Verdummungen und Verblendungen aufs Korn nimmt. Als Theobald Tiger dichtet er noch ein paar freche Berliner Lieder und in seinen „Sudelbüchern“ notiert er kuriose Bonmots wie: „Ich erhänge mich nur, wenn alle Stricke reißen.“
Der abschließende Band enthält ein riesiges Register, darin enthalten die Auflistung aller Zeitschriften, in den Tucholsky veröffentlichte; ein Personen- und Werkregister; ein Verzeichnis aller Filme und Bücher, die Tucholsky rezensierte; ein Verzeichnis, unter welchen Pseudonymen er was veröffentlichte – und wo man den Text findet; ein Schlagwortregister, das von „Antisemitismus“ über „Pazifismus“ bis „Zensur“ alle Begriffe enthält, die irgendwie bei Tucholsky eine Rolle spielen. Das Register ist mehr als ein Friedhof toter Wörter und Begriffe, sondern ein Hilfswerk für alle, die sich mit Tucholsky intensiver beschäftigen wollen. Wünschenswert wäre es, wenn der Verlag dieses Register für alle Interessierten frei verfügbar ins Netz stellen würde. Das hätte auch den Vorteil, dass man es immer wieder erweitern und auf den neuesten Stand bringen könnte, ohne gleich ein ganzes Buch drucken zu müssen. (Von Frank Dietschreit)
Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe Texte und Briefe. Rowohlt.