POTSDAM - Wenn einer mit 17 Jahren Abi macht, in Mathe und Physik immer beste Noten hatte, dann steht der Akademikerlaufbahn nichts mehr im Weg. Höchstens die eigenen Ambitionen. Max Prosa jedenfalls hat sein Physikstudium schnell hingeworfen, auch Philosophie konnte ihn anschließend nicht lange halten. Aus dem bürgerlichen Elternhaus im wohlsituierten Berliner Stadtbezirk Charlottenburg zog es ihn nach Neukölln, um das Leben eines Bohemien zu erlernen, Musiker zu werden.
Die Eltern waren besorgt, hatten schon seine frühen musikalischen Vorlieben nicht sonderlich gemocht. „Die ganzen Sachen, die ich gehört hab, Dylan und Bowie, hab ich mit 13, 14 für mich selber entdeckt“, erzählt er. „Das war für mich auch eine Art Rebellion, was Neues finden, was nichts mit den Eltern zu tun hat. ,Ziggy Stardust And The Spiders From Mars’ war meine erste Platte. Meine Mutter hat sich nur gewundert, was ich an dem alten Zeug finde.“
Er hat was dran gefunden. Eine bestimmte Art, Geschichten in Songs zu erzählen, Lieder zu schreiben, die gefangennehmen. Bei denen man nach wenigen Worten wissen will, was einem der Sänger zu sagen hat, wo ihn die Zeilen hintragen werden. Wo es ihn hinzieht, wenn er zu sanfter Folk-Gitarre über „Abgründe der Stadt“ singt. Warum mit der Liebe was schiefging, „Als der Sturm vorüber war“. Ob „Mein Kind“ wohl zu ihm zurückkehren wird, wenn es hört, wie er da mit Mundharmonika, Klavier und energisch geschlagener Gitarre wirbt.
Bob Dylan hat dieses Stück beeinflusst. Nicht nur dieses vielleicht, aber auf Prosas Debütalbum „Die Phantasie wird siegen“ dieses wohl am deutlichsten. Der Vergleich stört den jungen Songschreiber nicht im Geringsten. Dylans Platte „Blonde On Blonde“ hat er als Erweckungserlebnis empfunden, so schwärmt er, nie wieder sei so kunstvoll und nachlässig zugleich mit Sprache umgegangen worden. Das beschreibt auch ihn ganz gut: Er schleift die Worte ab, wie es zur Musik passt, bleibt aber überaus präsent und verständlich.
„Mein Kind“ dürfe also ruhig als eine Art Dylan-Hommage verstanden werden: „Von der Akkordfolge her und auch mit der Zeile ,Kommst du dann zu mir zurück, mein Kind’ – da kann man sich natürlich gern erinnert fühlen an Queen Jane. Das ist oft so, dass ich den Start zu Liedern aus Dingen ziehe, die mich faszinieren. Aus Büchern zum Beispiel oder Liedern. Dann stricke ich eine eigene Geschichte drum herum. So ist aus dem Fetzen ,Kommst du dann zurück zu mir zurück, mein Kind’ eine ganze eigene Geschichte entstanden.“
Max Prosa singt Zeilen wie „Wenn meine Lippen fast erfrieren, weiß ich, dass ich singen muss“. Das große Talent des 21-Jährigen besteht darin, so was nie peinlich wirken zu lassen, nicht künstlich bemüht um tiefen Sinn. Er scheint mit leichter Hand zu dichten, Bilder zu finden, die nicht abgenutzt wirken. Er hat die richtigen Musiker um sich, die seinen Songideen die passende Fassung geben, mal mit minimaler akustischer Begleitung, ein paar wehmütigen Streichern oder mit entfesseltem rockigen Drang.
Anfangs hat ihn die Berliner Musikerin Dota Kehr, genannt die Kleingeldprinzessin, mit zu ihren Konzerten geschleppt, ihn zwei, drei Lieder singen lassen. In Kneipen und Klubs ist Max Prosa aufgetreten, dann kamen schnell die Talentsucher. Mit dem Erfurter Zughafen-Management – Heimstatt von Clueso zum Beispiel – hat er kundige Betreuer. Sein Debüt erscheint bei einer großen Plattenfirma.
Das sieht nach schnellem Durchstarten Richtung Erfolg aus. Zumal gerade etliche sehr junge Musiker schwer angesagt sind. Allerdings betrachtet Max Prosa das nicht unbedingt als förderlich: „Ganz oberflächlich gesehen, könnte man sagen, ach so, noch so einer. Bei mir ist’s aber ein bisschen eigener, da muss sich das Publikum erst reinfinden. Tim Bendzko will immer nur die Welt retten, da weiß man gleich, worum’s geht. Mir war aber wichtig, ein Album zu machen, was nicht austauschbar ist.“
Und was ein wenig Aufmerksamkeit verlangt, wäre hinzuzufügen. Doch wer sich einmal mit dem Widerspruch aus bitterer Satire und unbekümmert jubilierender Musik in „Totgesagte Welt“ befasst, wer die düster-romantische Reise von „Tasunoro“ verfolgt hat oder die übermütigen „Visionen von Marie“ bewundert, wird sich dem Reiz dieser Songs kaum entziehen können. So fesselnd wirkt deutschsprachiger Folkrock selten. (Von Gerd Dehnel)
Max Prosa: Die Phantasie wird siegen. Columbia/Sony (ab 27. Januar).