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26.01.2012

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Der letzte Drehtag war eine Erlösung

Regisseur Markus Schleinzer über Kindesmissbrauch und österreichische Boulevardmedien

Der Wiener Markus Schleinzer hat für sein phänomenales Debüt „Michael“ gerade den Ophüls-Preis gewonnen. Mit dem 40-Jährigen sprach Claudia Palma.

MAZ: Herr Schleinzer, haben Sie nach den Kampusch- und Fritzl-Fällen beschlossen, sich mit diesem Thema zu befassen oder war etwas ganz anderes Auslöser?

Markus Schleinzer: Es startete als Experiment: Kann aus einem Casting-Direktor ein Regisseur werden? Ich wollte es jedenfalls versuchen und war auf der Suche nach Ideen für mein erstes Drehbuch. Das war Ende 2008, und dieses Thema war omnipräsent. Weltweit. Es gab kaum eine Nachrichtensendung oder ein Titelblatt, das am „verschwundenen Kind“ oder der „wieder aufgetauchten Familie“ vorbeigehen wollte. Es hat Menschen quer durch alle Gesellschaftsschichten berührt. So auch mich. Und natürlich war ich angeschwemmt durch die Berichterstattung zu den beiden großen österreichischen Kriminalfällen. Aber es gab ja in dieser Zeit auch noch viele weitere in diversen Ländern.

 

Ihr Film ist ja geradezu das Gegenstück zur reißerischen Berichterstattung in den Boulevardmedien. Haben Sie sich sehr über sie aufgeregt?

Schleinzer: Ich habe mich eigentlich über mich selbst erregt, als ich bemerkt habe, dass ich auch nur so ein Überschriftenleser bin und diversen Medien weit in ihren „Dschungel“ hinein gefolgt bin. Mit Begriffen wie: „Das Monster von ...“ oder „Horrorhaus in ...“ wird ja nicht gespart. Und wir nehmen das dankbar an. Das Monsterbild ist eine hervorragende Erklärungsschablone, die eine unüberwindliche Grenzlinie zieht, zwischen der eigenen Welt und dem Bösen. Aber die Diskussion über diese Handlungen, Taten, Verbrechen, über Täter wie Opfer wird auf dem Niveau des Monsterbildes niemals sehr sinnvoll sein, da der einzige Sinn in der Distanzierung liegt. Wenn man sich also seine Meinungen nur aus dieser Art von Berichterstattung zusammenzimmert, sind die Eckpfeiler immer nur Unterhaltung und Selbstschutz. Daraus kann sich aber nichts entwickeln.

 

Sie haben das Drehbuch selbst geschrieben. Wie hält man das aus, sich eine lange Zeit in einen Täter hineinzuversetzen?

Schleinzer: Das Drehbuch war sehr schnell runtergeschrieben. Und da der Hauptfokus auf Alltäglichem lag, war es erträglich. Am letzten Drehtag kam allerdings so eine Art dankbare Erlösung auf, diese Figur jetzt auch wieder einmal ziehen lassen zu können.

 

Warum haben Sie die Täterperspektive gewählt?

Schleinzer: Von Anfang an wollte ich den sexuellen Missbrauch nicht in Bildern darstellen. Bei Michael handelt es sich um einen Menschen, der sich wahrscheinlich – erschreckend für uns – nach nichts anderem sehnt als wir alle. Eine funktionierende Partnerschaft. Das strebt er an. Die Beziehung, die ist hier sehr wichtig. Da ist Sexualität da, aber der Alltag und die Organisation des Alltags nimmt sicher mehr Raum ein. Dieser Täter kann seine Schuld weder sehen noch eingestehen. Sein Verbrechen erklärt er sich als eine Art Pädagogik, also die Art und Weise, wie er dem Kind Sexualität beigebracht hat. Dadurch, dass dies alles in ein seltsames Gebinde aus gedachter Normalität zusammengebunden ist, konnte ich die Übergriffe zwar andeuten, konnte aber auch auf diese Bilder verzichten. Auch aus Respekt. Für das Opfer aber ist der Missbrauch so etwas Großes und Dramatisches und Prägendes. Das in der Erzählung wegzulassen, wäre seltsam gewesen. So bin ich also der Spur des Täters gefolgt.

 

Sie verzichten auf die Darstellung von Gewalt, die findet im Kopf des Zuschauers statt. Auch sind in Ihrem Film keine Tränen des Jungen oder Ähnliches zu sehen. Warum?

Schleinzer: Ich wollte darauf nicht Hauptaugenmerk legen. Alles was Dinge wie Action, Krimispannung, Horror oder gar Erotik betrifft, hat meiner Meinung nach in einer ernsthaften und sensiblen Auseinandersetzung mit diesem Thema nichts zu suchen. Ich habe aber in den letzten Jahren genug Filme gesehen, die damit eher ihr Schindluder getrieben haben, und mit diversen Opfern und Tätern, real oder fiktiv, ihre billige Miete eingefahren haben. Das alles wollten wir verhindern.

 

Sie liefern keine Erklärung für Michaels Verhalten. Weil es keine gibt?

Schleinzer: Es ist eine junge Wissenschaft. Noch gibt es kaum Vergleichsfälle. Somit gibt es so viele unterschiedliche Verbrechen und Erklärungen, wie es Menschen gibt. Und ich halte nicht so viel von biografischen Entschuldigungen, wie: schlechte Kindheit oder selbst missbraucht. Zumal sie ja selten stimmen. Die meisten Missbrauchsopfer sind noch immer Mädchen. Da müssten also weit mehr pädophile Frauen unterwegs sein, und das ist nicht der Fall. Das ist mir einfach so eine billige Dramaturgie. Eine Information, die mein Nachdenken schon wieder unterbindet. Aha, ja, ach so, klar. Fertig, etikettiert, und weg damit. Jetzt kann ich mich wieder in Sicherheit fühlen und weiter dem spannenden Film zuschauen.

 

Hatten Sie beim Schreiben wissenschaftliche Beratung?

Schleinzer: Nachdem das Buch fertig war, habe ich es von einer forensischen Psychiaterin, Heidi Kastner, überprüfen lassen. Es gibt Themen, da sollte man nicht nur dem Wildwuchs seiner eigenen Fantasie vertrauen.

 

Sie haben lange mit Michael Haneke zusammengearbeitet. Hat er Sie ästhetisch geprägt?

Schleinzer: Bei Michael Haneke habe ich vor allem Disziplin in und für die Arbeit gelernt. Aber die Geschichte haben wir so erzählt, weil uns diese Art der Erzählung für diese Art von Geschichte genau richtig erschien. Und – das ist ja eine „Filmsprache“, die bereits vor Haneke von Filmemachern gesprochen wurde. Natürlich gibt es Austausch, aber ich hätte keine Freude, mein Leben als Kopie zu verbringen. Und der nächste Film wird anders aussehen. Und darauf freue ich mich schon.


Emotionslos und messerscharf - das Drama "Michael"

Das aufwühlende und verstörende Drama erzählt von dem 35-jährigen Pädophilen Michael, der im Keller seines Hauses einen zehnjährigen Jungen versteckt hält. Zum Essen kommt das Kind nach oben, manchmal darf er fernsehen und hin und wieder gehen sie gemeinsam in den Zoo.

Markus Schleinzer beobachtet konzentriert und emotionslos und zeigt, wie sich hinter den Ritualen des Alltags das Grauen verbirgt. Er nimmt dem Täter das Monströse, indem er etwa zeigt, wie Michael in einer Versicherung arbeitet, den Kollegen eine Runde ausgibt.

Am Ende begehrt das Kind auf. Schleinzer gelingt ein sehr überraschender Schluss.

Vor seinem Regie-Debüt arbeitete Schleinzer als Casting-Direktor für Michael Haneke. Er suchte und fand die Kinder, die in „Das weiße Band“ spielten. Der Film wurde 2008 in Brandenburg gedreht.

Dauer: 96 Minuten.



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