Sein Name war Max Silberberg. Mit der Kunst, die er liebte, wurde er weltbekannt. Van Gogh, Cézanne, Liebermann, Degas, Monet, Renoir – Silberbergs erlesene Sammlung wird von Kunsthistorikern auf annähernd 300 Bilder und Plastiken fast aller großen Künstler des 19. und frühen 20. Jahrhunderts geschätzt. Max Silberberg. Geboren in Neuruppin. Ermordet im Holocaust.
Die „in der Geschichte der Menschheit grauenvolle Einzigartigkeit des Verbrechens“ der Nazis an den Juden – sie begleitet Uwe Schürmann aus Molchow schon sein Leben lang. Der 61-Jährige, der im Duisburg der Nachkriegszeit aufgewachsen und über Berlin nach Molchow gekommen ist, forscht und publiziert seit Jahrzehnten zum Judentum. Auch jetzt, im selbst auferlegten „Unruhestand“.
Bei Recherchen über Juden in Neuruppin stößt der pensionierte Lehrer für Deutsch und Geschichte auf den Namen Max Silberberg. Einen Neuruppiner, in dessen Geburtsstadt nichts an ihn erinnert. Schürmann stutzt. „Seine Vaterstadt hat ihn vergessen“, sagt er.
Regine Meyerhardt, Emma Anker, Artur, Arnold und Erna Jacoby, Edith Frank, Emilie Drucker und Artur Schwarz – diese Namen seien vielen Neuruppinern geläufig. Sogenannte Stolpersteine, 2003 verlegt vom Kölner Künstler Gunter Demnig, erinnern an die Juden, die dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer fielen. Uwe Schürmann hat den Lebens- und Leidensweg der acht Neuruppiner in mehreren Veröffentlichungen dokumentiert.
Doch auf den Erinnerungstafeln von Yad Vashem, der bedeutendsten Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, finden sich die Namen 23 weiterer Holocaust-Opfer, die in Neuruppin zur Welt gekommen waren, die Stadt aber verlassen hatten. Max Drucker. Hermann Silberstein. Die Brüder Theodor und Justus Drucker. Fritz Blumenfeldt. Und: Max Silberberg.
Der Sohn eines Schneiders kommt am 27. Februar 1878 in Neuruppin zur Welt. Sein Vater Isidor betreibt sein Geschäft an der heutigen Karl-Marx-Straße. Max Silberberg besucht das Gymnasium und absolviert seinen Militärdienst in Neuruppin. Danach zieht er mit seinen Eltern und seiner Schwester Margarete nach Beuthen in Oberschlesien. Im Alter von 24 Jahren wird er Prokurist in einer metallverarbeitenden Fabrik. Er heiratet Johanna Weißenberg, die Tochter des Firmeneigentümers, und wird Mitinhaber des Unternehmens. 1908 kommt Sohn Alfred zur Welt.
Als Industrieller erfolgreich, zieht Max Silberberg 1920 mit seiner Familie nach Breslau. Die Wände der Villa schmückt eine herausragende Gemäldesammlung. Silberberg macht sich im kulturellen Leben Breslaus einen Namen. Er ist Mitbegründer des Vereins Jüdisches Museum und unterstützt das Haus mit Spenden. Gemeinsam mit dem Direktor des Breslauer Schlossmuseums organisiert er eine Ausstellung über „Das Judentum in der Geschichte Schlesiens“. Silberberg gehört dem Kuratorium des schlesischen Museums der bildenden Künste an, ist Mitglied im Vorstand der Gesellschaft der Kunstfreunde.
Und: Er sammelt. Gustav Klimt, Édouard Manet, Paul Klee, Eugéne Delacroix, Auguste Rodin und Ernst Barlach – in Silberbergs Galerie fehlt kaum ein bekannter Künstler seiner Zeit. Auch Werke der in Neuruppin aufgewachsenen Bildhauerin und Grafikerin Renée Sintenis gehören zu seinem Schatz. Uwe Schürmann schwärmt: „Die Kunstsammlung, die Silberberg im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zusammentrug, erlangte Weltruhm.“
Mit der Machtübernahme der Nazis verändert sich Silberbergs Leben schlagartig. Er wird verfolgt, gerät in finanzielle Schwierigkeiten. Bilder und Villa werden enteignet. Hitlers Häscher verschleppen Silberbergs Sohn ins Konzentrationslager Buchenwald. Er entkommt dem Grauen unter der Auflage, umgehend zu emigrieren, und geht ins Exil nach London. Johanna und Max Silberberg, die in eine kleine Mietwohnung gezogen sind, werden Ende 1941 deportiert. „Ihre Spuren verlieren sich in Theresienstadt und Auschwitz“, sagt Uwe Schürmann. Nach dem Krieg lässt Alfred Silberberg seine Eltern für tot erklären.
Silberbergs Kunstsammlung ist durch Auktionen und Verkäufe in alle Welt zerstreut, der Verbleib der Werke in den meisten Fällen unbekannt. Silberbergs Erben haben Mühe, Ansprüche geltend zu machen. Breslau ist inzwischen polnisch. Akten, die die Enteignung dokumentieren könnten, sind vernichtet oder unzugänglich. Deutsche Behörden fühlen sich nicht zuständig. „Nur wenige Werke wurden an die Nachkommen zurückgegeben“, sagt Uwe Schürmann.
Selbst kamerascheu, will er Max Silberberg ein Gesicht, seinem Leben und Streben einen Platz in Neuruppin geben. „Und ich habe Anlass zu der Hoffnung, dass nach dem Umbau des Museums dort an ihn erinnert wird“, verrät Schürmann. Erinnerungen lebendig zu erhalten – das ist für den Pädagogen der Schlüssel zum Verstehen. In Berlin hat er an einer Gesamtschule unterrichtet, im multikulturell geprägten Stadtteil Wedding. So unterschiedlich wie die Herkunft seiner Schüler waren in der Geschichtsstunde die Ansichten zum Holocaust. Für Schürmann gibt es nur eine: „Es war Völkermord.“ Die Opfer dürften nie vergessen werden.
Neuruppin vergesse einige: mehr als 60 jüdische Patienten der damaligen Heil- und Pflegeanstalt auf dem Gelände der heutigen Ruppiner Kliniken, denen Seelsorge entzogen und Gottesdienste verboten wurden – darunter 59, die im Juni 1940 „verlegt“ und im Zuchthaus der Stadt Brandenburg ermordet wurden, und elf, die in der Anstalt starben und am Rande des Anstaltsfriedhofes im Wäldchen bei Treskow beerdigt wurden. „Kein Stein schmückt die Stelle“, sagt Uwe Schürmann. „Stattdessen fahren über die Gräber Maschinen, mit denen der Friedhof gepflegt wird.“
Das will Uwe Schürmann nicht in den Kopf. Auch nicht, dass Neuruppin einen Sohn von internationalem Rang vergisst. Immer wieder wird er an den Unternehmer, Sammler und Mäzen erinnern. Sein Name war Max Silberberg. (Von Juliane Becker)
Nur noch wenige Wochen, dann sind die Tage wieder länger als die Nächte. Der Abgesang des Winters wird am Himmel durch einen gut zu beobachtenden Wettlauf zwischen den Planeten Venus und Jupiter begleitet. Auch Mars und Saturn sind zunehmend besser zu sehen. Und man kann den Orionnebel genauer beobachten, ein Lieblingsobjekt der Hobby-Astronomen. Denn man schaut in einen „Kreißsaal“ für Sterne.
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