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27.01.2012

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Wechseljahre

Andrea Hanna Hünniger und ihr Buch über die Jugend nach dem Mauerfall

POTSDAM - Andrea Hanna Hünniger erzählt, sie wisse nichts mehr von der DDR, „doch was ich damals mitbekommen habe: Meine Eltern sind Kommunisten“. Hünniger ist 27 Jahre alt, der Vater habe früher, an Sonntagen zum Frühstück, über Marx und Lenin improvisiert, habe Reden gehalten, „er wusste nicht Bescheid, sondern hat sich die Thesen von Marx im Grunde ausgedacht“.

Aufgewachsen ist Hünniger, die heute als Journalistin arbeitet, am Paradiesplatz in Weimar, „dort wohnte sie im Plattenbau“, stellte Martina Weyrauch fest, wohl als Merkmal von Bodenständigkeit. Weyrauch leitete am Mittwochabend das Gespräch in der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung in Potsdam. Andrea Hanna Hünniger war eingeladen worden, um aus ihrem Buch „Das Paradies – Meine Jugend nach der Mauer“ zu lesen. Sie hat darin erzählt von jenen Wechseljahren, als zwischen Ost und West die Grenze fiel, was in den ersten Jahren überall als Glücksfall durchgegangen ist, bis irgendwann Probleme auftauchten, Mitte der 90er Jahre, als die Euphorie sich legte und Verluste spürbar wurden.

„Ich ging nach Göttingen zum Studium und wurde als Ostdeutsche angesprochen. Man wird ja erst zum Ossi, wenn man den Osten verlässt“, erzählte Hünniger, die sich erinnerte, dass während ihrer Schulzeit in den 90er Jahren so gut wie nicht über die DDR gesprochen wurde. „Erst in meinem Geschichtsstudium konnte die Auseinandersetzung mit der DDR beginnen, weil ich dort endlich etwas über diesen Staat erfahren habe.“ Worüber sie sich wundere: „Die Bürgerrechtler sind heute durchgehend verstummt. Gerade diese Leute, die damals Geschichte angestoßen haben, reden heute nicht mehr.“

Vor allem über die 90er Jahre erzählt Hünniger. „Bei der Bewertung der eigenen ostdeutschen Biografie ist heute noch eine Scham zu spüren, das Unbehagen lautet: Ich komme aus der DDR und habe dort eine Lehre abgeschlossen. Bin ich deswegen staatskonform gewesen?“ Man stehe im Verdacht, ein Ideologe gewesen zu sein, wenn man aus der DDR stammt. „Doch es gibt keine ideologiefreien Zeiten“, sagt sie.

Im Verdacht freilich, die DDR schönzureden, möchte sie nicht stehen. Ob die DDR in ihren Augen ein Unrechtsstaat gewesen ist, fragt jemand aus dem Publikum. „Ja klar war sie ein Unrechtsstaat, das liegt doch auf der Hand“, sagt sie, „eine andere Frage ist es, ob heute alles gerecht zugeht.“ Solche Sätze polarisieren weiterhin, sie werden missverstanden, auch am Mittwoch wurde dieser Satz im Munde umgedreht, mit Unverständnis für den präzisen Tonfall dieser Einschätzung. Ein Gast mokierte sich: „Es entsteht der Eindruck, dass in Ihren Augen auch das einheitliche Deutschland kein Rechtsstaat sei. Aber Ungerechtigkeiten gibt es überall, die Frage ist indes, ob man sich wehren kann, juristisch, vor unabhängigen Gerichten.“ Das aber hatte Andrea Hanna Hünniger nicht bezweifelt. „Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat“ – dieser Satz von Bärbel Bohley hängt weiterhin in der Luft des vereinten Deutschlands. Auch über der Debatte in Potsdam hing er.

„Warum ist kein Stolz daraus entstanden, dass die Ostdeutschen 1989 die Wende geschafft haben?“, fragte Hünniger. Einer ihrer Freunde habe in Weimar eine Straßenumfrage durchgeführt, mit gut 20 zufälligen Passanten: „Wann haben Sie Geschichte geschrieben?“, fragte er. Keinem sei ’89 eingefallen.

Fraglich ist für Hünniger, ob man die ostdeutsche oder westdeutsche Herkunft ablegen müsse, „um endlich gesamtdeutsch zu werden“. Genauso zweifelhaft sei es, „ob man den Türken sagen soll, nun legt mal eure heimatlichen Lebensstile ab und werdet deutsch“. Herkunft lasse sich nicht unterdrücken.

In den „lustigen TV-Shows der 90er ist die DDR wie Disneyland aufbereitet worden“, sagte Hünniger, „trotzdem wusste man, dass Leute in Bautzen inhaftiert wurden“. Das Land sei eine schwierige Heimat. Dennoch böten diese Wurzeln keinen Grund zum Kleinmut. (Von Lars Grote)

Andrea Hanna Hünniger: Das Paradies – Meine Jugend nach der Mauer. Klett-Kotta, 219 Seiten, 17,95 Euro.


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