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27.01.2012

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Lieb mich, Baby!

Heute erscheint Lana Del Reys Debütalbum

POTSDAM - Als Lana Del Rey vor einigen Wochen im Roten Salon der Berliner Volksbühne auftrat, ging es dort zu wie im Kreißsaal zum Ruhm. Man wollte dabei sein, wenn der Star geboren wird. Die Musikkritiker standen wie gute und schlechte Feen im Saal und murmelten ihre Kommentare in die Wiege: Retro! Guerilla-Marketing! Diese Lippen! Am Rande der Veranstaltung gab Del Rey Interviews und orakelte geheimnisvoll, sie sei zum Sterben verdammt. „I’m born to die.“

An diesem Satz kann man sich festbeißen. War er verrucht gemeint, so kam er aus dem Mund einer rosigen 25-Jährigen, die Zigaretten nur zur Pose hält, ziemlich dämlich rüber – enthielt er doch nichts weiter als die Werbebotschaft für ihr erstes Album „Born To Die“. Da fühlte man sich als Adressat wiederum für dämlich verkauft. In jedem Fall zeitigte das Nachdenken schnell Überdruss. Zu viel Schein, zu wenig Sein.

Die Neugierde auf ihre erste Platte, die genau genommen gar kein Debüt ist, weil Lana bereits als Lizzy Grant ein Album veröffentlicht hat, aber blieb. Schließlich sind die zwei Songs, mit denen Lana Del Rey im vergangenen Jahr auf Youtube bekannt wurde, schrecklich gute Ohrwürmer. Vor allem von „Videogames“ kommt man schlecht wieder los. Kaum setzen die Harfen, die Glocken und die Geigen ein, hat man die markante Melodie schon in vorauseilendem Gehorsam mitgebrummt. Lanas Genuschel vom bösen Buben, der sie heranpfeift, ihre tiefergelegte Stimme, die sie immer weiter herunterschraubt – das alles animiert zum Nachahmen und zur Parodie, was bekanntlich ein Zeichen für Nachhaltigkeit ist. Sie hat sich festgehakt.

Ermüdung, Neugierde und eine riesige Erwartungshaltung sitzen demnach vereint vor den Lautsprechern, um sich das neue Album „Born To Die“ anzuhören. Um wirklich zuzuhören, müsste man sie erst einmal wieder loswerden. Schwierig! Zumal ständig weitere Pop-Assoziationen dazwischen funken – hieß nicht Lady Gagas jüngstes Album „Born This Way“? Und was haben die derzeitige Queen of Fame und ihre mögliche Kronprinzessin nicht alles gemeinsam? Beide kommen aus gutem Haus und gerieren sich als weibliche Underdogs. Beide sind so extrem künstlich, dass es schon fast wieder authentisch wirkt.

Doch Schluss mit dem Hintergrundrauschen. Der Titelsong „Born To Die“ trägt noch dicker auf als „Videogames“. Noch mehr Geigen, noch mehr Hall, noch mehr Gesäusel und noch so eine klebrige Melodie, schwer und süß wie Honig. Und erst der Text! Wieder ein böser Junge und eine fatale Liebe, aus der die Erkenntnis wächst, das man sich im Hier und Jetzt lieben sollte. Am Ende wartet der Tod. Eine banale Erkenntnis in einer Kathedrale aus Pomp. So ist guter Pop. Überwältigung mit einfachen Mitteln. In „Radio“ gesellt sich die ironische Selbstbespiegelung hinzu: „Lieb mich, Baby, denn ich bin im Radio“. Widerstand zwecklos?

Natürlich nicht. Überwältigung ist kein Dauerzustand. Die Hälfte der Lieder ist gut und wird uns in den nächsten Monaten begleiten. Die andere Hälfte hat damit zu kämpfen, dass ihre Melodien nicht einfallsreich genug sind, um die Verarbeitungsgeräusche dieses Albums zu übertönen. Alle Songs bestehen aus den immer gleichen Versatzstücken. Ein Trip-Hop-Beat im Untergrund, darüber wetteifern ein schwelgendes Orchester und Lanas Gesang um das beste Crescendo und die größte Spannung. Inhaltlich geht es sowieso immer nur um das eine: Boy meets Girl. Aber welche Geschichte handelt nicht von der großen Liebe? Und haben wir uns schon jemals daran satt gehört? (Von Marika Bent)

Lana Del Rey: Born to Die. Universal.


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