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28.01.2012

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Der Ost-Straßenfeger

Von den Zuschauern geliebt, von den SED-Funktionären beargwöhnt: Vor 40 Jahren flimmerte erstmals „Ein Kessel Buntes“ über die Bildschirme

LEIPZIG/BERLIN - Im Osten ein Straßenfeger und sogar vom Westen staunend beachtet: „Ein Kessel Buntes“ war die beliebte Samstagabend-Show des Fernsehens der DDR. Am 29. Januar 1972 wurde sie zum ersten Mal live aus dem Ost-Berliner Friedrichstadtpalast übertragen. Die Moderation besorgten „Die drei Dialektiker“ – Manfred Uhlig, der Sachse aus Leipzig, Lutz Stückrath, die freche Berliner Mundart, und Horst Köbbert, der für die Nordlichter der Republik zu sprechen hatte. Zwei der Protagonisten erinnern sich 40 Jahre später an die Geburtsstunde der legendären Sendung. Köbbert, 83, schwerkrank, konnte nicht befragt werden.

Dafür ist Manfred Uhlig mit seinen 84 Jahren immer noch putzmunter. „Mir geht es meinem Alter entsprechend gut. Ich schaue gern zurück und habe in meinem Leben alle Tiefen und Höhen durchgemacht“, sagt der Leipziger. 28 auch von Uhlig moderierte Folgen von „Ein Kessel Buntes“ stehen auf seiner Erfolgsseite. Der Ur-Sachse war, wie seine Moderatoren-Kollegen, schon lange gut im Unterhaltungsgeschäft unterwegs, als ihm 1971 ein Brief des Fernsehfunks der DDR erreichte und er gefragt wurde, ob er Interesse und Lust hätte, eine neue Unterhaltungsschau zu moderieren. Uhlig sagte letztlich zu und stand schon bald mit Lutz Stückrath und Horst Köbbert auf der Bühne des (alten) Friedrichstadtpalastes. Uhlig, noch sehr fit im Kopf, hat sogar noch einen Sketch der ersten Moderation drauf: „Wir standen vor einer stilisierten Waschmaschine. Stückrath sagte: ,Jetzt waschen wir erst mal die Wäsche. Hier, meine Jeans, eine echte Levis.’ Das Publikum tobte. Lutz wollte die Hose ausziehen, darauf Köbbert: ,Was soll denn das?’ Ich hakte ein: ,Striptease bitte nur während der Messe und dann für harte Währung.’ Wieder tosender Beifall.“

Die Sätze der „Dialektiker“ standen meist im Drehbuch. Das war zunächst erstaunlich locker verfasst. Man traute sich was, es konnte Kritik geübt werden am real existierenden Sozialismus. Zwar blieb der Staat an sich unberührt, die Mängel des Alltags standen aber schon auf dem Prüfstand. Uhlig: „Es war die Zeit einer gewissen Lockerung. Honecker hatte im Mai 1971 mit Hilfe der Russen den verknöcherten Ulbricht abgesägt. Neue Offenheit sollte kundgetan werden, auch mit dem Kessel und mit unseren Späßen. Die Leute sollten wohl sagen: Das hätte es bei Ulbricht nicht gegeben.“

Lutz Stückrath, heute 73, 1972 ein in der DDR-Hauptstadt prominenter Kabarettist der Distel, erinnert sich, wie er zum Live-Moderator des Fernsehens wurde: „Ich kam dazu wie die Jungfrau zum Kind. Vielleicht lag es ja daran, dass ich im Osten von Berlin das war, was Wolfgang Gruner in Westberlin gewesen ist. Als Schauspieler und Kabarettist war ich jung und dynamisch. Und in der Distel der Publikumsliebling. Ein frecher Berliner eben. Einer mit Herz, Schnauze und dem Hang zur politischen Debatte. Das hat wohl die Redakteure gereizt, mich zu besetzen.“ Der Titel „Ein Kessel Buntes“ war für Stückrath „volkstümlich und fantasieöffnend“. Hinzu sei die wunderbare Doppeldeutigkeit des Begriffs „Die drei Dialektiker“ gekommen. Vor allem reizte ihn, und das sei ja das Novum der Show gewesen, dass sich die Moderatoren kritisch zu aktuellen Fragen in der DDR öffentlich im Fernsehen äußern durften.

Uhlig wie Stückrath bekommen noch heute Herzklopfen, wenn sie an die erste Sendung denken. Man(n) hatte schon Auftritts-Erfahrung. 250 Zuschauer bei der Leipziger Pfeffermühle oder der Berliner Distel waren kein Problem für die Routiniers. Nun aber auf einmal in der einzigartigen Atmosphäre des alten Friedrichstadtpalastes in einem Saal mit 3000 Zuschauern eine solche Fernsehshow aus der Taufe zu heben – das sei schon eine Herausforderung gewesen und habe für Angst wie für Glücksgefühle gesorgt. „Als die Zuschauer mitbekamen, dass wir uns auch kritisch, aber ehrlich mit dem DDR-Alltag auseinandersetzten, hatten wir ihre Sympathien sofort auf unserer Seite. Und als wir sogar unfähige Funktionäre auf die Schippe nahmen, hatten wir sehr vielen aus dem Herzen gesprochen. Der Beifall im Saal war schon fast unheimlich“, so Stückrath.

Die Reaktion der Fernsehzuschauer war ähnlich, der „Kessel“ wurde zum „Straßenfeger“. Was die Show insgesamt so sympathisch machte, waren ihre Machart und die mitwirkenden Künstler. Stars aus Ost und erstmalig auch aus West kamen auf die Bühne. Das war eine Sensation, so Stückrath, ein Ereignis in der deutschsprachigen Fernsehlandschaft – „und das kam, kaum zu glauben, aus Ost-Berlin!“ (Von Thomas Meyer)


Viele Moderatoren:

Es gab 118 mal „Ein Kessel Buntes“. Die Live-Sendung des DDR-Fernsehens überlebte im geeinten Deutschland noch bis 1992.

Etliche Moderatoren folgten den „Drei Dialektikern“, denen ein politischer Maulkorb verpasst wurde und die 1977 kündigten. Ab dem 29. Kessel moderierten unter anderem Herbert Köfer, Lutz Jahoda, O.F. Weidling, Dagmar Ferderic und Petra Kusch-Lück.

Die letzten Kessel-Folgen bis zum Aus am 19. Dezember 1992 in Bielefeld moderierte Karsten Speck. tom



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