BERLIN - Im Laufe der Ermittlungen wurde die Liste der Merkwürdigkeiten immer länger: Da gab es Bilder des Berliners Max Pechstein und seines französischen Zeitgenossen André Derain, deren Holzrahmen aus ein und demselben Wald stammen mussten. Da wurden Farbpigmente entdeckt, die es zu Pechsteins Zeiten noch nicht gab. Und die Etiketten, die beweisen sollten, dass die Werke einst in der legendären Galerie Flechtheim zu Zeiten der Weimarer Republik hingen, waren mit modernem Sekundenkleber aufgepappt.
„Es überstieg unsere Vorstellungskraft, dass man den Handel und die Experten derart täuschen konnte“, sagt René Allonge heute, wenn er über den wohl spektakulärsten Fall von Kunstfälschung in Deutschland spricht. Der Hauptkommissar hat mit seinen Kollegen vom Berliner Landeskriminalamt (LKA) maßgeblich dazu beigetragen, die angebliche Sammlung Jägers als das zu entlarven, was sie ist: eine einzige Fälschung.
Seit 2008 führt das LKA ein eigenes Kunstdezernat, was eine Besonderheit ist: Lediglich in Bayern und Baden-Württemberg gibt es noch eigens auf Hehlerei, Fälschung oder Kunstdiebstahl spezialisierte Dezernate. Gestern stellte Allonge die Arbeit seiner Abteilung einem Publikum vor, das anschließend Selbstkritik übte. Er sprach bei einem Treffen der deutschen Kunstsachverständigen.
Dem Handwerk des Kunstfälschers Wolfgang Beltracchi war der gesamte Kunstmarkt samt namhafter Experten auf den Leim gegangen. Und so sagt Frithjof Hampel vom Bundesverband vereidigter Sachverständiger: „Für uns Kunstsachverständige bleibt die Konsequenz, dass wir mehr hinterfragen und viel öfter Kontakt zu Laboren suchen müssen.“
Das Berliner Kunstdezernat arbeitet eng mit Forschungseinrichtungen zusammen, um mutmaßliche Fälschungen aufdecken zu können. Im Fall der angeblichen Expressionisten aus der Jägers-Sammlung fanden zum Beispiel die Experten des Rathgen-Forschungslabors der Stiftung Preußischer Kulturbesitz heraus, dass die Rahmen der unterschiedlichsten Werke aus dem gleichen Holz geschnitzt waren. Die Bäume mussten zumindest alle dicht beieinander gestanden haben. „Ein Lottogewinn wäre wahrscheinlicher“, sagt der 38-jährige René Allonge.
Wolfgang Beltracchi hatte als Drahtzieher seiner Fälscherbande über Jahre hinweg den Kunstmarkt genarrt und Millionen kassiert. Seine Werke hingen als vermeintliche Gemälde von Max Ernst, Pechstein oder Heinrich Campendonk in Museen und bei Sammlern. Im Oktober 2011 wurde er in Köln zu sechs Jahren Haft verurteilt, auch dank des Berliner LKA.
Die Legende, die der Fälscher um die ominöse Sammlung strickte, ging so: Der Unternehmer Werner Jägers habe die Bilder einst bei dem Galeristen Alfred Flechtheim gekauft, über den Krieg gerettet und schließlich an die Familie Beltracchi vererbt. Um ihre Sammlungslegende zu untermauern, verkleidete sich die Frau des Fälschers sogar als junge Oma Jägers und posierte in einer Wohnstube, mit den angeblichen Werken aus der Jägers-Sammlung im Hintergrund. Auch dieses angeblich historische Foto war für die Ermittler auf den ersten Blick merkwürdig. Dafür, dass es ein Porträt der Großmutter sein sollte, war die Wohnzimmerwand mit den Gemälden doch ein wenig zu stark betont.
Meist haben die Ermittler mit Dieben oder Hehlern zu tun. Nicht immer machen es ihnen die Ganoven dabei so leicht, wie jene, die 2002 ins Berliner Brücke-Museum einbrachen. „Es waren Dilletanten“, sagt Allonge. Die Diebe hatten ein Auto geklaut, aber vergessen, es leer zu räumen. Am Tatort mussten sie erst mal Platz für die gestohlenen Gemälde schaffen und hinterließen viele Spuren. Unvorsichtig waren sie auch, als sie die Beute schnell zu Geld machen wollten. Die Polizei erhielt einen Tipp aus der Szene und nahm die Täter fest.
„Viele unserer Verdächtigen bleiben uns stabil erhalten“, meint Allonge lakonisch. Auch beim Beltracchi-Skandal spielte ein alter Bekannter eine Rolle: ein promovierter Kunsthistoriker, den Allonge bereits von den Ermittlungen um gefälschte Felix-Nussbaum-Bilder kannte.
Beltracchi sitzt im Gefängnis, für René Allonge ist der Fall noch nicht abgeschlossen. Gerade tauchte in Japan eine weitere Fälschung auf. Der Hauptkommissar geht davon aus, dass noch mehr als 25 dieser Bilder im Umlauf sind: „Die Suche geht weiter.“ (Von Torsten Gellner)