BERLIN - Gut, die Rezitative sind gestrichen. Die Handlung wird erzählt. Der Schauspieler Klaus Schreiber ist dafür engagiert. Das hat den Vorteil gefühlter Kürze. Allerdings auch den Nachteil, dass aus „Montezuma“ eine Nummernrevue wird. Den alten Mexikaner, den Carl Heinrich Graun 1755 kompositorisch vom aztekischen Thron stürzte, lässt die Staatsoper im Berliner Schillertheater arienweise fallen. Und im Übrigen auch nur konzertant.
Die Musikfestspiele Potsdam-Sanssouci haben ihm 2010 immerhin eine Inszenierung gegönnt – und diese 2012 wiederaufgenommen. Hier gilt es freilich, sich mit dem Sinn fürs Dekorative anzufreunden, dem Regisseur Geoffrey Layton huldigt. Denn das mesoamerikanische Arkadien, das er auf der Bühne feiert, langweilt auf eigene Art: Mit einer Eleganz, die nichts will. Für ein Trauerspiel in drei Akten ist das ein bisschen zu nett!
Nun, Graun ist daran nicht unschuldig. Diese Musik ist vor allem Fassade. Hinter dem schönen Schein repräsentativer Kavantinen und Koloraturen verbirgt sich wenig Sein. Mit einer Ausnahme: Das Duett des Schlussakts, in dem sich der unheldische Titelheld und seine Braut Eupaforice die Schmerzen der Liebe angesichts des Todes mitteilen, ist ein loderndes Feuer, das von Streicherklagen entfacht wird. Vesselina Kasarova trifft da wahrhaft kaiserlich den Ton des Elegischen. Sie quält, grunzt, schluchzt die Noten, strotzt vor Kraft, explodiert. Was sich wiederum mit Anna Prohaskas sensibler Soprangemütslage mischt. Ihre Koloraturen sind mehr als Schein, sondern wirklich welche, erlebt, erlitten, ergreifend. Warum Tränen lachen, wenn man sie weinen kann. Allein dieses Auftritts wegen lohnt sich der Weg in die Bismarckstraße.
Die wahre Geschichte von der Kolonialisierung Mexikos durch den Conquistador Hernán Cortés hatte Friedrich der Große für die Oper umgeschrieben, zum eigenen Vergnügen und als „Regierungserklärung“. In der Realpolitik angekommen, war nämlich die „Verteidigung der Menschlichkeit“, für die er sich noch als Kronprinz 1739 wortreich ins Zeug gelegt hatte, nichts als Geschwätz von gestern. Insofern konnte sein „Montezuma“-Libretto durchaus als sein Anti-„Antimachiavell“ gelesen werden. Dass er dem „Indio“ humanitäre Tugenden andichtete, war dem Zeitgeist-Ideal vom „edlen Wilden“ geschuldet. Was aber nicht hieß, dass er die Gewinnerqualitäten des zynischen Schweinehunds Cortés verachtet hätte. Die Kontrahenten Montezuma und Cortés porträtieren Friedrich gewissermaßen: Als Friedensfürst, wie er gesehen werden wollte; als Angriffskrieger, der er war. 1756, ein Jahr nach der Berliner Uraufführung, schossen die Preußen wieder.
Friedrich besetzte Sachsen, Graun vier Rollen mit männlichen Sopranen. Das wird auch in Potsdam gewagt. In Berlin ist es ein Abend der Frauen. Zu Vesselina Kasarova und Anna Prohaska gesellen sich Ann Hallenberg – die Einzige, die im Barock richtig zu Hause ist – als starkherziger Cortés-Kumpan Narvés und Adriane Queiroz als glühende Erissena. Dass hingegen der für den erkrankten Pavol Breslik eingesprungene Kenneth Tarver als Tezeuco und Florian Hoffmanns General Pilpatoè an ihren tenoralen Grenzen singen, erklärt den Untergang Tenochtitláns hinreichend. Der Counterkehle von – Cortés – Michael Maniaci sind sie jedenfalls nicht gewachsen.
In Potsdam überrumpelt die mit Originalinstrumenten ausgestattete Potsdamer Kammerakademie mit einem Furor, dem nichts Menschliches fremd ist. Sergio Azzolini dirigiert vom Fagott aus – hochtourig, mit Biss. Die Berliner Staatskapelle rührt Brei an, trotz Michael Hofstetter am Pult. Aber für sie ist es, was das barocke Repertoire angeht, ein Anfang. Das kann noch werden.
Nächste Aufführung: heute,
19.30 Uhr. Staatsoper im Schillertheater, Bismarckstraße 110, Berlin-Charlottenburg. Karten unter 030/20354555. (Von Frank Kallensee)