BERLIN - Vielleicht lag es einfach am Ort. Das Berliner Tempodrom gleicht einem Zirkuszelt. Hier gab Lauryn Hill am Donnerstag eines von zwei restlos ausverkauften Comeback-Konzerten in Deutschland. Die Miss, wie sich die sechsfache Mutter und Gefährtin eines Bob-Marley-Sohns noch immer nennt, hatte vor, in dem großen, steinernen Rund eine ausgelassene Party zu feiern – eine Quadratur des Kreises, wie sich schon nach einigen Minuten herausstellen sollte.
Dabei war das Publikum so willig. Der eigens bestellte Master of Ceremonies hatte zu Beginn kaum Mühe, die knapp 4000 Leute aus der Winterstarre zu lösen. Eine gute Stunde spielte er ein Best-of-Hip-Hop, das bis zu den Baby-Rappern Kriss Kross zurückreichte. Zwanzig Jahre ist es schon her, dass uns diese Jungs mit ihrem „Jump“ auf den Nerven herumhüpften. Inzwischen müssen sie über 30 sein. Fragt man 14-jährige „Bravo“-Leserinnen nach Lauryn Hill, erntet man ein unverblümtes Wer-ist-das? Musik aus den Neunzigern? Wie alt ist das denn!
Und während man erklärt, dass Miss Hill den Rap-Brüdern Reggae, R ’n’ B und Soul gelehrt hat, dass sie die Schönste und Begabteste ihrer Zeit war, kommt man sich vor wie die eigenen Eltern, die einem die Beatles schmackhaft machen wollen. In dieser einen Stunde Vorspiel zum Konzert konnte man sich unsagbar alt fühlen und zunehmend auch genervt von jenem MC, der allmählich alle Regler aufdrehte und das Tempodrom in eine Großraumdisco verwandelte, in welche die Sängerin schließlich einzog wie ein ehemaliger Box-Champion: Miiiiiiiiiisss Lauryn Hill!
Da war sie also nach langer, langer Bühnenabstinenz. Die Haare raspelkurz, ein weiter, schwarzer Fellmantel über der offenbar noch immer zierlichen Gestalt, ein weißer, sehr mädchenhafter Kragen und passend dazu ebenfalls weiße Stiefel. Mit einem großen Schritt stieg sie in einen kleinen Kreis aus Bühnenlautsprechern und war von da an offenbar taub für das, was sich im großen Radius um sie herum abspielte. Den bekanntesten Song ihrer alten Band The Fugees, die Roberta-Flack-Ballade „Killing Me Softly“, spielte sie kurz mit hohem Tempo durch, schloss „Everything Is Everything“ von ihrer Soloplatte an. Man sollte das Beste serviert bekommen, doch es klang unfassbar schlecht.
Jede Garagenband hat ihre Frequenzen besser im Griff als diese Hightechmusiker an jenem Abend. Alles dröhnte so übersteuert, dass die Lieder kaum mehr zu erkennen waren. Fett soll der Sound ja sein. Aber gleich so eine schwere Soße? Die Backgroundladies soffen darin ab und mit ihnen die Hauptperson. Die Publikumsrufe nach einem Soundcheck drangen zwar zur Bühne vor, wo sich die Musiker nervös Zeichen gaben. Aber vermutlich hatte niemand den Mut, das Konzert zu unterbrechen.
Mangels Zwischentönen muss die eigentliche Rezension deshalb leider ausfallen. Es war nicht herauszuhören, in welche Richtung sich die einst so freudvolle Stimme von Lauryn Hill nun entwickelt hat. Ein weises, tiefes Timbre? Noch immer jugendliche Kraft? Vielleicht wissen es die Tontechniker – falls sie noch leben. (Von Marika Bent)