KÖNIGS WUSTERHAUSEN - Tausende und aber Tausende Tote – wer kann sich das schon vorstellen? Gedenken an die Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft – Worte, die ganz sachlich klingen. Die jungen Frauen und Männer der Klassen acht bis zehn der Europaschule „Johann Gottfried Herder“ haben am Donnerstagabend mit ihrem Programm „Die Toten bekommen ein Gesicht“ den Gästen aus Königs Wusterhausen und umliegenden Ortschaften emotional vermittelt, was dieser tausendfache Mord für den einzelnen Menschen bedeutete.
Die Schüler waren Anfang November des vorigen Jahres in das Konzentrationslager Ravensbrück gereist. Sie wohnten auf dem Gelände und begaben sich auf Spurensuche. „Sie schienen anfangs fast enttäuscht von dem, was sie vorfanden“, sagt Petra Wegemann, die die Jugendlichen gemeinsam mit Jens Bauermeister in Ravensbrück begleitete. Es sei ja auf den ersten Blick kaum noch etwas zu sehen von dem KZ, in dem so viele Menschen ihr Leben lassen mussten. Doch dann habe die Suche begonnen nach den Spuren jener Lebensläufe, die hier so jäh endeten. Die Mädchen und Jungen gingen in die Archive, lasen, sahen sich Fotos und Dokumente an. So wurden aus den abstrakten Zahlen vage Konturen, aus Konturen die ersten Gesichtszüge, aus den Gesichtszügen ein Mensch mit einer eigenen, verzweifelten Geschichte. Da war die lebenslustige Mary Punier, die die Pogromnacht im Geschäft der Mutter erleben musste, die sah, wie alles in Flammen aufging. Die junge Frau wollte sich von der Zeit nicht unterkriegen lassen, suchte nach Zerstreuung – und wurde in einem jener Lokale verhaftet, denen die Nazis nachsagten, dass hier Lesben verkehrten. Natürlich war es nur ein Vorwand, um die Jüdin nach Ravensbrück zu verschleppen und schließlich umzubringen.
Da war Wanda Poltawska, die sich den Pfadfindern anschloss und mit 19 Jahren von der Gestapo verhaftet und nach Ravensbrück verschleppt wurde. Die „Ärzte“ schnitten ihr die Waden auf, infizierten sie, so dass sich die Wunden entzündeten, bis die Knochen frei lagen. Für viele bedeutete das das Todesurteil. Wanda aber hatte Glück. In letzter Sekunde, im April 1945, wurde sie auf den Gefangenentransport geschickt. Sie überlebte das Lager, aber in ihr wucherte das KZ. Die Angst vor dem Tod, der hier täglich lauerte, suchte sich ihren Platz in Alpträumen. Erst als sie begann, diese aufzuschreiben, ging es ihr besser.
Das Schicksal der kleinen Stella berührte die jungen Leute, aber auch die Besucher der Schulveranstaltung, am meisten. Stella war vier Jahre alt, als sie nach Ravensbrück kam. Bei der Ankunft sah sie ihre Mutter stürzen. Soldaten trugen sie fort. „Ich schrie nach der Mama . . .“, wird sie später aufschreiben. Doch nur noch einmal sah sie ihre Mutter wieder. Sie starb im Tuberkuloseblock des KZ. Mitgefangene suchten nach Worten, dem Kind zu erklären, was mit der Mutter geschehen war und sagten ihm schließlich, sie haben deine Mama verbrannt. Stella verstand nicht. Erst mit sieben drang die Bedeutung des Wortes „verbrannt“ bis zu ihr durch. Dank der Fürsorge der anderen Häftlinge überlebte Stella nach unsäglichem Leid das Lager.
Die Schüler, die diese Lebenslinien nachzeichneten, wollten sich stark zeigen während des Programms. Aber das war nicht so einfach, denn die namenlosen Häftlinge haben Gesichter bekommen, ihre Schicksale lassen die zarten Stimmen erzittern. Die Lehrer, die die Schüler bei der Erarbeitung des Programms unterstützten, erzählen von Tränen, die es in Ravensbrück gab und später auch hier während der vielen Proben.
Ravensbrück gehört nun auch zu den Biografien der Schüler – weil sie Deutsche sind, weil sie mitverantwortlich sind, dass sich solch tausendfaches Leid und Morden nicht wiederholt und weil sie nun mit eigenen Augen gesehen haben, wozu der Mensch fähig ist. Bei ihrem Besuch in Ravensbrück wurde bei Ausbesserungsarbeiten an den Wegen vor dem Krematorium ein Kegel menschlicher Asche und Knochen entdeckt. Noch nie war der Tod für sie näher als in diesem Moment. (Von Andrea Müller)