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28.01.2012

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Ein treuer Typ

50 Jahre Wissenschaftsstandort Zeuthen / Elektromeister Siegfried Schulze hat seinen Anteil daran

ZEUTHEN - Der kommende Dienstag ist für Siegfried Schulze ebenso wie für alle anderen Desy-Mitarbeiter in Zeuthen kein normaler Arbeitstag. Da werden große Autos auf dem Hof vorfahren und Gäste aus aller Welt im Institut erwartet. Sie alle sind eingeladen, um „20 Jahre Desy in Brandenburg“ und 50 Jahre Teilchenphysik am Standort zu feiern.

Beim Festakt nimmt Elektromeister Schulze wahrscheinlich irgendwo in der Mitte Platz. Die erste Reihe ist seine Sache nicht – und Festreden schon gar nicht. Dabei könnte der 59-Jährige die Rede locker halten. „Sie würde aber sicher weitaus praktischer ausfallen“, sagt der Grauhaarige lachend, den hier alle nur als „Siggi“ kennen. Bei ihm fielen dann eher Stichworte wie sichere Steckdosen und intakte Schaltkreise als kosmische Teilchenbeschleuniger und dunkle Materie.

Siegfried Schulze kennt das Institutsgelände so gut wie kein anderer. Seit mehr als 43 Jahren arbeitet er auf diesem Areal direkt am Zeuthener See. Im September 1968 hat er in der Forschungsstelle für Physik hoher Energien, dem heutigen Desy, seine Lehre als Elektromonteur begonnen und seither nie die Arbeitsstelle gewechselt. Für den Storkower ist dies bis heute sein Traumberuf. „Schon als Zehnjähriger wollte ich Elektromonteur werden“, sagt er. Den Ausschlag dafür gab ein defekter Stecker an einem Elektrokocher. Hier holte sich der Junge einen solchen Schlag, dass er zu Boden fiel. Seine Neugier war geweckt, nun wollte er wissen – warum? Er begann zu bauen und zu basteln. Schließlich bewarb er sich im heutigen Desy als Lehrling. Der damals noch am Standort befindliche Teilchenbeschleuniger reizte. Schulze augenzwinkernd: „Ich bin eben ein treuer Typ.“ Er lebt schon immer in Storkow, ist seit 36 Jahren verheiratet und bekommt 43 Arbeitsjahre für die Rentenstelle äußerst günstig auf ein einziges A4-Blatt.

Allerdings verschweigt er auch nicht, dass er sich als junger Mann gleich nach der Armeezeit doch einmal verändern wollte. „320 DDR-Mark nach der Lehre waren mir ein bisschen wenig“, bekennt er. Auf Baustellen bekam man weitaus mehr. Da man aber den jungen Schulze keineswegs ziehen lassen wollte, erhielt er 1973, wie nie wieder in seinem Leben, gleich drei Monate hintereinander eine Gehaltserhöhung. Schulze hatte sein Berufsleben schließlich noch unter den Fittichen von Alt-Geselle Hans Habel begonnen, der hier schon in der Reichspostforschungsstelle im Krieg gearbeitet hatte. „Er zeigte mir Abgänge zu Verteilern, die hätten wir nie gefunden“, betont Schulze rückblickend.

Unter fünf Institutsdirektoren hat der Elektromeister schon gedient. Und sie alle – von Karl Lanius bis zu seinem heutigen Chef Christian Stegmann – wussten beziehungsweise wissen zu schätzen, dass Schulze nicht lange suchen muss, sondern die Elektroanlage des Instituts nahezu komplett im Kopf hat. Er kennt die Schaltpläne, die -schränke, die Knöpfe. Er weiß, worauf es ankommt, damit die Anlagen und die Computer für die Forschung mit den Super-Mini-Teilchen laufen können.

Und hakte es in all den Jahren doch einmal, so genügte ein Anruf bei „Siggi“ in Storkow und die Fernwartung mit den Plänen im Kopf konnte beginnen. Das allerdings war noch vor dem Computer-Zeitalter. Seit Mitte der 90er Jahre loggt sich Siegfried Schulze bei kleinen Störungen daheim in das System in Zeuthen ein und schon startet die Fehlersuche.

Doch nicht nur der Computer hat Schulzes Arbeitswelt verändert. In der DDR arbeiteten 20 Mitarbeiter in der Betriebswerkstatt – vom Elektriker, Schlosser, Maurer, Tischler und Maler war alles dabei. „Da hat man sich manch Nützliches abgeschaut“, sagt Schulze anerkennend. Geblieben sind jetzt zwei Elektriker und ein Installateur. Alles andere wird über Fremdfirmen gemanagt. Gekündigt wurde Schulze zufolge aber niemand. Irgendwie fanden sich für alle Lösungen. Das Institut war für Schulze in der DDR wie eine große Familie, Wissenschaftler, Handwerker und Hilfskräfte kannten sich oft über Jahre. Die heutigen Zeitverträge gab es nicht.

„1990/91 herrschte dann viel Unruhe und Aufregung. Niemand wusste, ob wir nicht auch wie fast alle anderen Akademie-Institute abgewickelt werden“, erinnert sich Schulze. Mit der Übernahme zu Desy 1992 kam das große Aufatmen. Jede Stelle wurde neu ausgeschrieben. Sorgenfalten trieb dies Siegfried Schulze aber nicht auf die Stirn.

In den Häusern des Institutes wurde fortan um-, an- oder ausgebaut. Irgendwo sind immer Handwerker am Werk. Zurzeit verwandelt sich die alte Villa in ein Konferenzzentrum.

Vorbei war die Zeit, in der Schulze jede alte Anlage haarklein in ihre Bestandteile zerlegte. In der Mangelwirtschaft, wo es immer irgendwo klemmte, hätte man das alte Relais oder den Schalter möglicherweise noch gebrauchen können. Ersatzteile musste der Elektromeister früher Monate vorher bestellen, heute genügen meist schon zwei Tage und die Lieferung ist da. In der DDR kam eine Rechnung für den Energieverbrauch des Institutes. Heute verfügt jede Themengruppe über ein Kontingent, überall im Haus befinden sich Messstellen.

Siegfried Schulzes Arbeitswelt teilt sich in 23 Jahre vor und 20 Jahre mit Desy. Wünsche aber sind immer geblieben. Der Elektromeister träumt von einer größeren Werkstatt. Institutsleiter Stegmann hat sie ihm versprochen – vielleicht zum nächsten runden Jubiläum. (Von Franziska Mohr)


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