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06.02.2012

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Titanen-Rendezvous

Die Eröffnung der Ausstellung „Georg Baselitz: Berliner Jahre“ in der Villa Schöningen

POTSDAM / BERLINER VORSTADT - Wie ein Dornröschenschloss lag am Freitagabend die eingeschneite Villa Schöningen und schien geradezu umzingelt von jeder Menge automobilen Blechs. Die meisten Besitzer der schwarzen Nobelkarossen waren über die nahe Glienicker Brücke eingefallen, um bei der Vernissage der Ausstellung „Georg Baselitz: Berliner Jahre – Bilder aus der Sammlung Baselitz“ ihre Erinnerungen an die wilden Jahre im geteilten Berlin aufzufrischen.

In der vom jugendlichen Protest brodelnden Frontstadt des Kalten Krieges war bekanntlich auch die Kunst noch wild und ungebremst neurotisch. Baselitz malte in der vom Tanz auf dem atomaren Pulverfass bewegten Zeit masturbierende Bengelchen und erregte damit grandioses Aufsehen. Dass diese Zeit bereits verdammt lange vorüber ist, merkten die perfekt gestilten jungen Damen des Personals daran, dass sie den gereiften Protagonisten dieser Berliner Revolte inzwischen aus den schweren dunklen Mänteln helfen mussten.

Schnell füllten sich die mit meist großformatigen Arbeiten Baselitz’ bestückten Säle bis zur Verstopfung, was den Nachteil hatte, dass diese sehr bekannten Werke von Sektkelch balancierenden Menschen zugestellt waren. Durch das mit der Zeit auch wenig Luft lassende Gewühl schoben sich immer neue vor Bedeutsamkeit triefende Herren mit flott um den Hals geworfenen Schals, die auf ihrer Kreuzfahrt durch das Menschenmeer von Fernsehteams und Fotografen verfolgt wurden. In Begleitung der Herren befanden sich meist deutlich jüngere Damen, denen gebührend stilkundiger Küsschen auf die Wangen gelegt wurden. Lange Zeit genoss inmitten des Gedränges ein wie aus der Kaiserzeit stammender Herr die ungeteilte Aufmerksamkeit. Den knöchellangen schwarzen Mantel krönte sein kahler Schädel und ein prächtiger weißer Spitzbart. Es war der sich traditionell selbst inszenierende Malerfürst Markus Lüpertz, dessen riesigen verschroben wirkenden Plastiken mythologische Themen illustrieren.

Als Baselitz den Hauptsaal im Obergeschoss erreichte, wurde er von einer Fotografenmeute verfolgt. Ein Raunen und das Klicken der Kameras begleiteten seinen Gang durch die Menge bis zum Titanen-Rendezvous in der Saalmitte. Das alles erinnerte an das berühmte Gemälde „Die Übergabe der Festung Breda“ von Diego Velázquez, auf dem der holländische Festungskommandant Justinius von Nassau dem Spanier Ambrosio Spinola die Stadtschlüssel überreicht.

Erst als der Chef des Hauses Mathias Döpfner ans Pult trat und sich mit kräftiger Stimme Gehör verschaffte, ebbte das Stimmengemurmel ab. Schmunzelnd verriet er den Zuhörern, dass er diese Ausstellung wegen der begeisternden Frische vor allem der sogenannten „Remix-Arbeiten“ am liebsten „For ever young“ genannt hätte. Natürlich braucht ein solches Großereignis der Kunst auch einen würdigen Kurator, den fand Döpfner im für die Ausstellungen der Royal Academy of Arts zuständigen Sir Norman Rosenthal. Ein sichtlich zufriedener Baselitz beendete die Redenfolge und eröffnete eine nicht nur für Potsdam wichtige Ausstellung, die glücklicherweise bis in den Sommer zu besuchen ist.

Villa Schöningen, Berliner Straße 86, bis 1. August, Di–Fr 11–18 Uhr, Sa/So10–18 Uhr. (Von Lothar Krone)


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