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07.02.2012

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Im Rausch der Kunst

Leipzigs Intendant Sebastian Hartmann provoziert mit Falladas „Der Trinker“ am Gorki-Theater

BERLIN - „Das ist kein Theater“, rufen einzelne Zuschauer. „Das ist Körperverletzung!“ Wahrlich, so eine lebhafte Premiere gab es in Berlin länger nicht.

Sebastian Hartmann ist zurück. Der 43-jährige Regie-Eigensinnler hatte um 2000 herum an Frank Castorfs Volksbühne für Furore gesorgt und war anschließend zwischen Oslo und Wien als beliebter Bürgerschreck aktiv. Mit expressiven, manchmal an der Schmerzgrenze schrammenden Regietheater-Inszenierungen, in denen klassische Stoffe spielerisch und hoch assoziativ aufgesprengt werden. 2008 übernahm Hartmann die Intendanz des seit Jahrzehnten kränkelnden Schauspiels Leipzig und verpasste dem Haus nicht nur einen Hausphilosophen und einen neuen Namen („Centraltheater“), sondern auch eine umfassende Kur in radikal modernistischer Bühnenkunst. „Theater muss sich an seiner Unbequemlichkeit messen lassen“, formulierte Hartmann in guter avantgardistischer Manier.

In der überregionalen Presse konnte sich das Haus damit wieder vermehrt Aufmerksamkeit erspielen. Aber die Leipziger Zuschauer und die Lokalpolitik folgten dem kompromisslosen Kunstanspruch nicht in hinreichendem Maße. Das Centraltheater krepelt weiter mit etwas über 70 000 Besuchern jährlich (das Hans-Otto-Theater im deutlich kleineren Potsdam liegt bei gut 100 000). Im letzten September kündigte Hartmann an, seinen Intendantenvertrag nicht über die Spielzeit 2012/2013 hinaus verlängern zu wollen.

Trotz dieses Karriererückschlags gilt Hartmann weiterhin als Kandidat für Posten in Berlin, wo die verschiedenen Häuser ein engeres Profil vertragen. Als Castorf-Nachfolger an der Volksbühne ist er ebenso im Gespräch wie für die gerade frei gewordene Leitung des Maxim-Gorki-Theaters. Entsprechend gespannt war man auf Hartmanns Umsetzung des Romans von Hans Falladas „Der Trinker“ am Gorki.

Es ist ein äußerst textnah verlaufender Abend mit einem eigenwillig meditativen Sog. Eine Stunde wird Falladas auf eigenen Erlebnissen basierender Ich-Roman fast asketisch nüchtern, an der Rampe sitzend, wiedergegeben. Der Irrwisch Samuel Finzi teilt sich mit dem traurigen Gemütskopf Andreas Leupold die Rolle des Kaufmanns und Trinkers Erwin Sommer, der seine erschütternde Lebensbilanz vorlegt. Ein schizophrenes Doppel, im unentwegten Selbstgespräch. Gelegentlich streuen sie mit dem Teufelsgitarristen Steve Binetti live einen grummelnden Blues-Song ein.

Langsam steigt die Fieberkurve während der gut zweieinhalb Stunden Gesamtdauer. Finzi spielt sich zuckend in Rage, und auf dem Bühnenvorhang hinter den Akteuren erscheinen psychedelische Comic-Videos (von Tilo Baumgärtel) – Skorpione, Wespen, Totenköpfe. Die finstere Reise in den Kopf des Berauschten beginnt. Eine Windmaschine bläst uns Zuschauern am Höhepunkt des Deliriums kalte Luft über die Köpfe, während quälende Maschinengeräusche brummen. Sommers Leidensweg wird in der Nervenheilanstalt enden.

Hartmann macht aus dem Protagonisten dabei kein sentimentales Opfer des Anstaltssystems, sondern einen Triumphator des sozialen und ästhetischen Widerstands. Der Rausch wird hier zum Inbegriff der Kunst. Und die Kehrseite nicht verschwiegen. Daraus folgt ein schmerzfreier Abend.

Nächste Vorstellungen: 7., 23. Februar, 19.30 Uhr. Gorki-Theater,

Am Festungsgraben 2, Berlin-Mitte.

Karten unter 030/20221115. (Von Christian Rakow)


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