SCHÖNEFELD - Vor der Haupthalle des Flughafenterminals steht eine lange Reihe Gepäcktrolleys. Drinnen sind die Check-In-Schalter zu sehen, eine elektronische Tafel zeigt Abflüge nach Miami, München und Abu Dhabi an. Die Tür ist offen und warme Luft strömt heraus, während draußen die Neugierigen in der Kälte stehen. „Die Heizung funktioniert, aber das ist auch so ziemlich das Einzige“, witzelt ein Wachmann.
Die Publikumstage boten am Wochenende die Gelegenheit, den neuen Großflughafen Berlin Brandenburg in Schönefeld (Dahme-Spreewald) einmal aus der Nähe zu betrachten. Hinein ins Gebäude durfte man aber nicht, denn abseits der Haupthalle war noch überall Baustellenatmosphäre mit unverkleideten Wänden und von der Decke hängenden Kabeln. Wer durch die Fenster blickt, sieht immer wieder einzelne Bauarbeiter herumlaufen und in Gruppen zusammenstehend beratschlagen. Nach Arbeiten mit Hochdruck sieht das allerdings nicht aus.
Im nördlichen Hof liegen noch gewaltige Sand- und Kiesberge. „Man sieht, dass das in drei Wochen nicht zu schaffen gewesen wäre“, sagt Roswitha Meske aus Potsdam beim Blick auf die unfertigen Gebäude. Es müsse schon lange klar gewesen sein, dass der 3. Juni als Eröffnungstermin nicht zu halten sein würde. Immer dann, wenn die Bauzäune auf dem Weg „Rund ums Terminal“ mit Planen abgehängt sind, bietet sich dahinter das reinste Baustellenchaos. Besonders in den Seitenbereichen stehen große Teile des Gebäudes noch im Rohbau.
Es sind vor allem Luftfahrtenthusiasten, die einen Blick auf das über 700 Meter lange Hauptpier mit seinen 16 Fluggastbrücken werfen wollen. „Der Bau ist unwahrscheinlich beeindruckend“, sagt ein 65-Jähriger aus Berlin-Tempelhof. Der bekennende Vielflieger schwärmt von der sachlich-modernen Architektur. „Ich bin begeistert“, sagt auch Elfi Hermann aus Berlin-Rudow. Sie hat den Großflughafen praktisch vor der Haustür und ist enttäuscht über die geplatzte Eröffnung. Nun hofft sie, dass es bis zu ihrem nächsten Urlaubsflug im November etwas wird.
Das könnte womöglich knapp werden. Das Münchener Unternehmen Orat, das für den Probebetrieb am Flughafen zuständig ist, hat in einer Analyse festgestellt, dass „wichtige Prozesse“ vom Check-In über Zoll bis Boarding nur zur Hälfte funktionieren. Auch die Lufthansa beklagt, dass es vor allem bei der Computertechnik mächtig hapert. Laut „Spiegel“ waren die Bauarbeiten etwa zwei Monate im Rückstand.
Flughafen-Chef Rainer Schwarz gibt am Wochenende weitere technische Mängel neben dem Brandschutz zu – diese hätten einer pünktlichen Eröffnung jedoch nicht im Weg gestanden. Dann hätte die Türautomatik am Eingang womöglich eben nicht funktioniert und an etlichen Stellen wären die Bauarbeiten noch im Gang gewesen, aber die Flieger wären gestartet und gelandet, so die Lesart der Flughafengesellschaft.
Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) glaubt das alles nicht mehr. Er wirft der Flughafengesellschaft „Missmanagement“ vor und verlangt eine „wasserdichte Projektplanung“. Es gehe hier schließlich nicht „um den Bau einer Pommes-Bude“, poltert er. Das zielt auch in Richtung von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der Aufsichtsratschef der Flughafengesellschaft ist. Am Mittwoch will das Kontrollgremium zusammenkommen und über einen neuen Eröffnungstermin beraten. Fluggesellschaften fordern inzwischen, frühestens mit dem Wechsel zum Winterflugplan Ende Oktober umzuziehen.
Wowereit kündigt am Sonnabend vage an, es werde „gegebenenfalls“ personelle Konsequenzen in der Leitung der Flughafengesellschaft geben. Gelächter und vereinzelte Buhrufe erntet er, als er auf der Bühne zu den Festbesuchern spricht und erklärt, jeder könne „selbst sehen, wie weit der Flughafen schon ist“. Aber es gibt auch zaghaften Applaus. Sein Brandenburger Kollege Matthias Platzeck (SPD) besuchte gestern die Baustelle, machte einen Rundgang und stieg in einen Airbus, hielt aber keine Rede.
Eigentlich sollte es trotz der Eröffnungs-Pleite ein großes Fest werden. Und offiziell ist die Flughafengesellschaft mit dem Interesse der Brandenburger und Berliner auch hochzufrieden. 50 000 seien bereits am ersten Tag gekommen, insgesamt seien es 100 000 gewesen, freut sich Sprecher Kunkel. Leere Biertische, Mengen von Absperrgittern, um den erwarteten Andrang an den Shuttle-Bussen zu kanalisieren, die nun verloren auf dem weiten Rollfeld herumstehen, und eine Vielzahl von unbeschäftigten Helfern mit ihren orangen und gelben Westen bieten allerdings ein anderes Bild. Die lächelnden Hostessen von Air Berlin versuchen am Sonnabend geradezu verzweifelt, genügend Teilnehmer für ihr Gewinnspiel zusammenzutrommeln. Aber auf dem zugigen Flugfeld zwischen Info-Zelten und Bratwurstständen wird es erst am Sonntagnachmittag etwas voller. Das Riesenrad dreht sich zuvor die meiste Zeit fast leer. Aber immerhin – es dreht sich. (Von Ulrich Nettelstroth und Andreas Streim)
Jetzt geht’s ums Geld