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25.05.2012

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„Je nebliger die Winter, desto solider die Finanzen“

Thilo Sarrazin über sein neues Buch „Europa braucht den Euro nicht“ – und die Frage, was die Stabilität einer Währung mit dem Klima eines Landes zu tun hat

Nach Überzeugung des ehemaligen Bundesbankers Thilo Sarrazin kann eine gemeinsame Währung nur in einem wirklichen Bundesstaat funktionieren. Mit Sarrazin sprachen  Klaus Rost und  Joachim Riecker.

MAZ: „Europa braucht den Euro nicht“ – soll schon der Titel Ihres neuen Buches eine Provokation sein?

Thilo Sarrazin: Der Titel ist nicht von mir, sondern vom Verlag. Ich finde ihn aber sehr gut. Er ist eine treffende Zusammenfassung des Inhalts und eine Antithese zu dem bekannten Wort von Bundeskanzlerin Merkel, dass Europa scheitert, wenn der Euro scheitert.

 

Als der Euro in den 90er Jahren beschlossen wurde, haben Sie zwar auf die Risiken hingewiesen, aber auch die Chancen betont.

Sarrazin: Das ist richtig. Ich habe aber immer darauf hingewiesen, dass eine gemeinsame Währung fast immer als Folge einer Staatenbildung eingeführt wurde. Die Reichsmark kam nach der Reichsgründung, der Dollar nach dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Beim Euro ist es anders.

 

Mit welchen Konsequenzen?

Sarrazin: Dass die Risiken größer sind. Der Euro kann nur gelingen, wenn drei Dinge eingehalten werden: Die Zentralbank muss auf Preisstabilität achten, die Haushalte der Mitgliedsländer dürfen nicht zu hoch verschuldet sein, und die Löhne und Preise müssen trotz gemeinsamer Währung weiter so flexibel sein, dass Unterschiede in der Wettbewerbsfähigkeit der Mitgliedsländer ausgeglichen werden.

 

Und in allen drei Bereichen hapert es?

Sarrazin: Leider ja. In diesem Zusammenhang ist ein Vergleich zwischen Griechenland und der Türkei aufschlussreich. Seit 1999 hat die Türkei ihre Währung auf 20 Prozent ihres Ausgangswertes abgewertet und so Preise und Löhne indirekt immer wieder gesenkt. Griechenland war dieser Weg durch den Euro versperrt, stattdessen sind die Lohnstückkosten seit 1999 um rund 70 Prozent gestiegen. Das Ergebnis ist bekannt: In der Türkei boomt die Wirtschaft, während Griechenland deindustrialisiert wurde.

 

Welche Hauptfehler sind aus Ihrer Sicht gemacht worden?

Sarrazin: Ich würde eher von Fehlentwicklungen sprechen. Löhne und Preise liefen in der Euro-Zone zu sehr auseinander. Deutschland und die nördlichen Euro-Länder wurden relativ immer billiger, die Süd-Länder einschließlich Frankreich immer teurer. Die Grenze verläuft zwischen der romanischen Welt und Griechenland einerseits und Mittel- und Nordeuropa andererseits.

 

Alles also eine Frage des Volkscharakters?

Sarrazin: In meinem Buch nenne ich das den Nebel-Faktor. Je nebliger und kälter die Winter in einem Land sind, desto solider sind die Finanzen. Wenn man schon durch die Natur gezwungen ist, für harte Zeiten Vorsorge zu treffen, prägt das offenbar den Charakter eines Volkes. Aber das ist nur ein Bild, und es gibt noch viele andere Faktoren.

 

Wenn wir Ihre These einmal stehen lassen – wie ließe sich der Mentalitätskonflikt lösen?

Sarrazin: Es gibt keinen einfachen Weg. Entweder wir bekommen in Deutschland eine höhere Inflation, was auf eine Teilenteignung aller Sparer hinauslaufen würde. Oder die Süd-Länder müssten, um den Wettbewerbsnachteil wieder aufzuholen, für viele Jahre deutscher als die Deutschen werden. Das halte ich aber für sehr unwahrscheinlich, denn überall sind die kulturellen Gewohnheiten seit Jahrhunderten gewachsen. Und den anderen Ländern Sparsamkeit von außen aufzuzwingen, ist sehr gefährlich.

 

Profitiert denn die deutsche Exportwirtschaft nicht ganz besonders vom Euro?

Sarrazin: Diese Legende wird durch die Zahlen nicht getragen. In den vergangenen Jahren ist der Anteil unserer Exporte in den Euro-Raum an den Gesamtausfuhren nicht gestiegen, sondern sogar gesunken. Nur 35 Prozent unseres Exportwachstums seit Beginn der gemeinsamen Währung entfallen auf den Euroraum.

 

Aber die D-Mark wäre in der jetzigen Situation doch so stark, dass deutsche Produkte nicht nur im Ausland, sondern auch im Inland teurer wären als jetzt mit dem Euro.

Sarrazin: Auch der reale effektive Wechselkurs des Euro ist seit seiner Einführung gegenüber den Industrieländern um 17 Prozent gestiegen. Außerdem hat eine starke D-Mark die deutschen Exporte auch in der Vergangenheit nicht wirklich belastet. Es geht doch um etwas anderes: Die unbelegte Behauptung, wir hätten vom Euro profitiert, wird vor allem deshalb aufgestellt, weil man damit begründen will, dass Deutschland auch dafür zahlen soll.

 

Kann das, was wirtschaftlich falsch ist, aber trotzdem politisch richtig sein?

Sarrazin: Eine berechtigte Frage, Kriege kosten schließlich auch Geld. Auch ein funktionierender Euro hätte aber weder für die Friedenssicherung noch für die Arbeitsmärkte oder das Wirtschaftswachstum in Europa nennenswerte Vorteile. Ein nicht funktionierender Euro bringt dagegen massive Nachteile mit sich. Ich bin überzeugt, dass eine gemeinsame Währung auf Dauer nur in einem wirklichen Bundesstaat wie der Schweiz oder den USA funktionieren kann, wo mehr als 50 Prozent der staatlichen Ausgaben von der Zentralregierung verantwortet werden.

 

Also hin zu den Vereinigten Staaten von Europa?

Sarrazin: In der Konsequenz würde das bedeuten, dass der Bund fast alle seine Zuständigkeiten für die Sozialsysteme, Infrastruktur und Militär an Brüssel abgeben müsste und von der Bundesrepublik faktisch nur noch die Länder übrig blieben. Das wird niemals geschehen.

Über den Fiskalpakt versucht man nun, die Haushalte der EU-Mitgliedsstaaten zu kontrollieren.

Sarrazin: Wenn das klappen würde, wäre es wunderbar. Aber ich halte die hohen Erwartungen an den Fiskalpakt für utopisch. Die Südländer stimmen jetzt zwar zu, um Deutschland zu beruhigen. Aber wenn es hart auf hart kommt, werden diese Staaten nicht bereit sein, diesen Eingriff in ihre Haushaltsautonomie zu akzeptieren. In Frankreich hat François Hollande damit schon die Präsidentenwahl gewonnen.

 

Welche Lösung schlagen Sie für die Zukunft vor?

Sarrazin: Deutschland muss vertragstreu sein, deshalb bleiben wir im Euro. Das No-Bail-Out-Prinzip, das die Schuldenübernahme ausschließt, muss allerdings strikt gelebt werden, und die Europäische Zentralbank muss zu einer Politik zurückkehren, die vorrangig der Preisstabilität verpflichtet ist. Eine Politik, die dauerhaft mehr Inflation zulässt, um den unsoliden Staaten zu helfen, läuft auf einen Bruch des Maastricht-Vertrages hinaus. In diesem Fall müsste Deutschland den Ausstieg prüfen.

 

Was geschieht mit den schwächeren Ländern?

Sarrazin: In Bezug auf die öffentlichen Finanzen und die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit ist es in der Währungsunion wie bei einer anstrengenden Bergtour: Da schafft es auch nicht immer jeder bis zum Gipfel – wer zu müde wird, muss umkehren. Das ist grundsätzlich nichts Schlimmes. Übergangsschwierigkeiten wird es in solchen Fällen geben. Aber alle Horrorszenarien, die für diesen Fall an die Wand gemalt werden, sind Unsinn.

 

Und die Alternative für Deutschland?

Sarrazin: Der viel größere Schaden tritt für Deutschland ein, wenn wir, durch die gemeinsame Währung gefesselt, für die Schulden anderer mitbezahlen müssen und gleichzeitig das Vermögen der Sparer durch eine höhere Inflation entwertet wird.

 

Thilo Sarrazin, Europa braucht den Euro nicht: Wie uns politisches Wunschdenken in die Krise geführt hat, Deutsche Verlags-Anstalt, 464 S., 22,99 Euro. - Das Buch bei Amazon...

Sarrazin stellt sein Buch heute um 20 Uhr im Nikolaisaal Potsdam, Wilhelm-Staab-Str.10/11 vor. Tickets 16, ermäßigt 8 Euro an der Abendkasse.


Das war der Abend mit Thilo Sarrazin

» MAZ aus Potsdam vom 24.05.2012: Der Provokateur als Volkswirt 

 



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