FRANKFURT/ODER - Als die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) im Jahr 2007 verkündete, ein „Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften“ einzurichten, war das öffentliche Interesse groß. Endlich würde die kulturwissenschaftlich orientierte Universität der naturwissenschaftlich dominierten „Schulmedizin“ Paroli bieten. Mit ihren kulturellen und historischen Ansätzen würde sie alternativen Medizinlehren wie Ayurveda, Homöopathie und Akupunktur zu ihrem Recht verhelfen. Das schien gerade angesichts explodierenden Gesundheitskosten und einer alternden Bevölkerung angezeigt. Jetzt, gut fünf Jahre nach Eröffnung des Instituts und knapp drei Jahre nach Beginn des weiterbildenden Masterstudiengangs „Komplementäre Medizin – Kulturwissenschaften – Heilkunde“ ist die innovative Einrichtung in die Schusslinie der Medien geraten.
Eine erst kürzlich bekannt gewordene, im März 2011 eingereichte Masterarbeit des Orthopäden Peter Conrad weckt den Verdacht, an dem von Harald Walach geleiteten Institut würden auch Narreteien als wissenschaftliche Leistung durchgewunken.
In seinem 43 Seiten zählenden Elaborat beschreibt der Mediziner seine Experimente mit dem sogenannten „Kozyrev-Spiegel“. Die mit Aluminium ausgekleidete große Röhre hat eigentlich nur bedingt etwas mit dem russischen Astronomen Nikolai Alexandrowitsch Kosyrew zu tun. Esoteriker schreiben dem Russen jedoch die Erfindung der Apparatur zu und behaupten unter anderem, körpereigene Energie würde in dieser „zentriert“.
Conrad stellt sich die Frage: „Kann ein kleiner Kozyrev-Spiegel einfachster Bauart die intuitiven Fähigkeiten eines Probanden verbessern?“ Indirekt bezieht er sich im Text auf Telepathie-Experimente anderer Kozyrev-Spiegel-Tester. Tatsächlich will Conrad besonders bei weiblichen Testpersonen mit „viel meditativer Erfahrung“ ein signifikantes Testergebnis in einer „halboffenen“ Röhre zustande gebracht haben.
Der Text, der dies theoretisch untermauern soll, wimmelt von merkwürdigen physikalischen Annahmen. Zeit könne „Energie ohne Impuls übertragen“, heißt es oder auch: „Zeitübertragung erfolgt instantan = mit unendlicher Geschwindigkeit“. Conrad hantiert dabei mit quantenphysikalischem und relativitätstheoretischem Vokabular, als habe er seinen Doktor in theoretischer Physik und nicht in Medizin erworben.
Hermann Nicolai, einer der Direktoren des Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik in Potsdam, sagt über einen Abschnitt der Einleitung: „In der Tat sind die Aussagen entweder trivial oder völlig unsinnig. Wie so oft in solchen Fällen lohnt nicht einmal der Versuch, zu verstehen, was der Autor gemeint haben könnte.“ Aus physikalischer Sicht sei das alles „einfach nur Quatsch“.
Walach, der als Gutachter die Arbeit als experimentell herausragende Studie gelobt hatte, sieht sich jetzt nicht nur der Häme der „Süddeutschen Zeitung“ und des „Spiegels“ ausgesetzt, in Wissenschaftsblogs entsetzen sich auch Astronomen wie Florian Freistetter über den Professor. Er schäme sich für die Viadrina, wo solche eine Arbeit auch noch verteidigt werde, schreibt Freistetter.
Aber Walach verteidigt die Arbeit nach wie vor. Sie beschreibe ein statistisch abgesichertes Experiment, das einer zu untersuchenden Theorie eine eigene Bedeutung gebe. „Das finde ich als Betreuer einer Arbeit, für die laut Prüfungsordnung nur drei Monate Zeit sind, einfach grundsätzlich eine sehr beachtliche Leistung“, sagt er der MAZ.
Außerdem dürfe man den Text Conrads nicht an den Maßstäben einer regulären wissenschaftlichen Publikation messen. „Es handelt sich um eine Qualifikationsarbeit in einem berufsbegleitenden Studiengang.“ Es sei nicht um eine alternative Physik gegangen. „Sinn und Zweck der Arbeit war ein didaktischer: wir haben zusammen mit unserem Kandidaten abgeleitet, wie die fragliche Theorie in ein praktikables Experiment gegossen werden könnte“, so Walach. Nicht zuletzt habe Conrad die Kozyrev-Annahmen ja auch widerlegt, was meist übersehen werde.
Walach selbst hat in Psychologie und Philosophie promoviert. Freidenkerkreise sehen ihn als Urheber einer Pseudowissenschaft namens „Schwacher Quantentheorie“. Diese soll die Wirkung der Homöopathie, ein Forschungsgebiet Walachs, erklären.
Der Präsident der Viadrina, Gunter Pleuger, möchte sich vorläufig nicht zu der Auseinandersetzung äußern. Derzeit begutachte noch die Strukturkommission des Landes Brandenburg die Viadrina. Sich vor dem 8. Juni über das „Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften“ auszulassen, hieße, dem Bericht der Kommission vorzugreifen. (Von Rüdiger Braun)