HENNIGSDORF - Er ist stolz. „Und sehr, sehr aufgeregt.“ Am kommenden Montag erhält Patrick Kizito gemeinsam mit der in Hennigsdorf lebenden Iranerin Tannaz Bidary und anderen das Band für Mut und Verständigung. Ministerpräsident Matthias Platzeck ehrt Kizito und Bidary für ihr Engagement gegen das Gutscheinsystem in Oberhavel. „Verrückt“, sagt Kizito. Normalerweise würden Leute einen Preis bekommen, wenn sie etwas erreicht hätten. „Das ist doch bei mit gar nicht der Fall.“
Gemeinsam mit anderen hat Kizito im vergangenen Jahr den Gutschein-Streik der Asylbewerber organisiert und ein breites Bündnis von Unterstützern geschmiedet. Geholfen hat es den in Oberhavel lebenden Asylbewerbern wenig. Noch immer gibt der Landkreis an die Mehrheit der Flüchtlinge neben einem Taschengeld nur Gutscheine aus – als einer der letzten drei Kreise in Brandenburg, die an dem Gutscheinsystem festhalten.
Das Brandenburgische Sozialministerium sprach sich mehrmals ausdrücklich dafür aus, Bargeld auszuzahlen. Andere Landkreise machten vor, dass Bargeld rechtlich möglich sei, sagt Ministeriumssprecher Florian Engels: „Es ist einzig allein eine Entscheidung des Landrats.“ Engels weiß die symbolische Bedeutung des Preises für Kizito und Bidary zu schätzen: „Wir freuen uns für die beiden“, sagt er.
Auch für Kizito, den in Hennigsdorf lebenden kenianischen Flüchtling, hat sich seit dem Streik wenig geändert. Seit Dezember hat er eine kleine, liebevoll eingerichtete Wohnung. Nach der drängenden Enge im Asylbewerberheim ein großer Erfolg. Seine rechtliche Situation ist jedoch noch immer schwierig. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und das Potsdamer Verwaltungsgericht haben sein Asylbegehren abgelehnt. Kizito lebt mit der ständigen Angst, irgendwann abgeschoben zu werden.
Im Mai 2010 war der heute 31-Jährige nach Deutschland geflüchtet. In Kenia hatte er als Fahrer für eine bewaffnete, von der Regierung unterstützte Gruppe gearbeitet. Als er dort ausstieg, hatte er Angst um sein Leben. Seinen Vater brachten sie um.
Das Gericht erkannte die Gründe für eine politische Verfolgung jedoch nicht an. Für ein deutsches Gericht sei die politische Gemengelage in dem Vielvölkerstaat Kenia nur schwer zu verstehen, sagt Kizito. Der Richter wollte Beweise für eine mögliche Verfolgung in Kenia sehen. Die aber konnte er nicht liefern. Wer denkt bei einer überstürzten Flucht daran, Fotos mit zunehmen?
Zurzeit können die deutschen Behörden Kizito nicht abschieben, weil er keinen Pass hat. Die Ausländerbehörde verlängert seine Duldung mal um eine Woche, mal um einen Monat. „Jeder glaubt, ich lüge“, sagt Kizito. Für den Flüchtling fühlen sich die kurzen Verlängerungen wie eine Strafe an. Wenn er nur noch eine Woche in Deutschland bleiben darf, erhält er auch nur für eine Woche Geld. Bezahlen muss er die Internet- oder Stromrechnungen aber für den ganzen Monat.
Kizito führt ein Leben in der Warteschleife. Nach Kenia will er um keinen Preis zurück. Doch in Deutschland kann er sich kein Leben aufbauen. Arbeiten, eine Familie gründen – das was für andere Männer in seinem Alter selbstverständlich wäre, ist für ihn nicht möglich. Zum Verzweifeln.
Es verletzt ihn, wenn sein Sachbearbeiter ihn fragt, ob er mal wieder komme, um sich Geld abzuholen. „Gib mir eine Arbeitserlaubnis“, würde er dann gerne sagen. „Und du siehst mich nie wieder.“ Keine Pläne machen zu können, keine Wünsche haben zu dürfen – quälend. „Eigentlich kann man nur essen und schlafen.“
Der Kampf um Bargeld ist für den gelernten Metallarbeiter deshalb auch viel mehr als ein Kampf um Geld. Es geht um Anerkennung, Respekt, Teilhabe. Wer im Supermarkt mit Gutscheinen bezahlen muss, ist für jeden als Ausländer erkennbar. In Deutschland, sagt er, habe er oft das Gefühl, dass niemand ihn anschaut. „Wir sind doch alle Menschen“, sagt er. „In Kenia würde man nicht so mit anderen umgehen.“ (Von Frauke Herweg)