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09.06.2012

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Besuch in Bad Fucking

Krimi-Bestsellerautor Kurt Palm auf Mystery-Pfaden

Der Wiener Autor Kurt Palm überraschte letztes Jahr mit der durchgeknallten Krimisatire „Bad Fucking“, für die er verdientermaßen den renommierten Glauser-Preis bekam und die ihn auch außerhalb Österreichs zum Beststellerautor machte. Die Groteske über menschliche Abgründe und Gier hat Palm nicht nur in einem abgelegenen österreichischen Bergdorf angesiedelt, sondern dieses Dorf darüber hinaus mit geradezu

alttestamentarischer Konsequenz von der Moderne isoliert. Im Wiener Innenministerium zum Beispiel gibt kein Beamter mehr den Ortsnamen Bad Fucking in den Computer ein, weil er sonst durch die Filtersoftware als Besucher von Pornoseiten angeprangert wird. Noch dazu hat ein Bergsturz dafür gesorgt, dass das Dorf in einer Sackgasse endet, und außerdem sind Handy-Empfang und Internetzugang nur von einem Bergplateau aus möglich, zu dem ein waghalsiger Aufstieg vonnöten ist, den einzig eine Cheerleader-Gruppe riskiert.

All dies schafft eine ideale Bühne, auf der die Dorfbewohner ihren Reigen der menschlichen Niedertracht aufführen können. Palm, der sich einen Namen als Regisseur und Produzent machte, hat bislang Bücher über Mozart, Stifter, Kafka und Brecht geschrieben. „Bad Fucking“ ist eine sehr österreichische Abrechnung mit den allgegenwärtigen kleinen und großen Tieren, die alle dasselbe Stammlokal haben – die Freunderlwirtschaft nämlich, etwa wenn es um Immobilienspekulationen, Bauaufträge, Pöstchenvergabe, Sexpartys und was sonst alles noch so geht.

Jetzt legt der Autor, Jahrgang 1955, einen neuen Roman nach. Sein Verlag behauptet, in „Die Besucher“ zeige uns Kurt Palm, „was Mystery alles kann“.

Es beginnt mit Martin, einem Mann in mittleren Jahren, der im Krankenhaus liegt und an Tinnitus leidet. Sein Hörsturz treibt ihn durch ständiges Dröhnen im Kopf fast in den Wahnsinn. Nach nur einer Woche wird Martin keinesfalls geheilt, aber mit Psychopharmaka vollgestopft entlassen. Die ganze Welt ist ihm zuwider: Martin taumelt durch ein graues Wien voller garstiger Mitmenschen. Er muss in seinen Heimatort zurückreisen, um seine todkranke Mutter zu pflegen und sich mit seiner überforderten Schwester zu streiten.

Gleichzeitig wird kräftig an seinem Job als Redakteur gesägt. Dann nervt ihn noch seine Frau mit ihrem dringenden Kinderwunsch, während er eine unbefriedigende Affäre mit einer Landärztin eingeht.

Kein Wunder, dass diesen von allen Seiten in die Enge Getriebenen ein Hörsturz ereilt hat. Bis hierher ist das ein konventionell geschriebener Roman, der nicht einmal übertreibt. Martin ist ein schlaffer Hiob, dem die Kraft fehlt, sich zu wehren. Also lässt er alles schleifen, was seine Probleme potenziert. Sein Verhalten wirkt manchmal grotesk, aber trotzdem nachvollziehbar. So funktioniert Burnout.

Erst im letzten Drittel des Romans entwickelt sich so etwas wie „Mystery“: Der Geplagte bekommt Besuch von sprachlosen Zombies, die sich im Haus seiner Mutter einnisten. Niemand außer ihm sieht sie, niemand glaubt ihm, niemand weiß, was die Zombies wollen. Vermutlich haben die Psychopharmaka, die Martin immer noch reichlich nimmt, einen gewissen Anteil an der Existenz dieser Besucher.

Der Roman verläppert im Nebulösen, nur wenig Unheimlichen. Kurt Palm wollte zeigen, wann der Alltag in den Horror kippt. Der Horror fällt allerdings so schlaff aus wie Martins Konfliktlösungsstrategien. (Von Karolina Fell und Thomas Askan Vierich)

Kurt Palm: Die Besucher. Roman. Residenz-Verlag. 276 Seiten, 21,90 Euro.

Kurt Palm: Bad Fucking, Rowohlt, 277 Seiten, 9,99 Euro.


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