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11.06.2012

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Hübsch hinter Gittern

Im Gefängnis Luckau-Duben treffen weibliche und männliche Gefangene bei Arbeit und Freizeit aufeinander

DUBEN - Anfangs piekte sich Simone B. mit dem Kajalstift immer ins Auge. Sie hatte „draußen“ weder ihre Augenlider geschminkt noch das schulterlange Haar gefärbt, nicht einmal ihrem Ehemann zuliebe. Sich die Wimpern zu tuschen oder einen Lidstrich zu ziehen, lernte die 50-Jährige im modernsten Gefängnis Brandenburgs, der Justizvollzugsanstalt Luckau-Duben (Dahme-Spreewald). „Das haben die Mädels mit mir veranstaltet“, erzählt Simone B. und zeigt auf ihre gefärbten Strähnchen und die geschminkten Augen.

Bis voraussichtlich 2016 ist sie in Duben wegen Totschlags inhaftiert. 2001 hatte sie ihren damals sechs Jahre alten Sohn verhungern lassen. Ein prominenter Fall, die Geschichte ging deutschlandweit durch die Medien. Wohl auch deshalb, weil Simone B. den toten Jungen zwei Jahre lang in einer Kühltruhe versteckte. Sobald die 50-Jährige von dem Kind spricht, verhallt ihr raues Lachen und ihre Stimme wird so leise, als wolle sie von ihrer Vergangenheit selbst nichts mehr hören.

B. sitzt auf dem Bett der 10,3 Quadratmeter großen Zelle und weint, ihr Blick wandert zum Fenster. Gitterstäbe versperren ihr die freie Sicht zur Tischtennisplatte, zum dahinter liegenden JVA-Verwaltungstrakt aus gelbem Backstein und zur Terrasse der Mitarbeiterkantine. Es ist Freitagnachmittag gegen 14 Uhr und B. freut sich schon wieder auf Montag. Dann darf sie für vier Stunden ihre Zelle verlassen, um im anderen Trakt der JVA den Umgang mit Word und Excel zu erlernen. In Duben haben die Gefangenen die Möglichkeit, ein europaweit anerkanntes Computerzertifikat abzulegen. Zehn Männer und eine Frau sind B.s Mitschüler.

„Die erste Klasse, die wir hier hatten, bestand nur aus Männern, da war die Stimmung angespannt wie beim Hahnenkampf“, erzählt Hanns Christian Hoff, der die JVA Luckau-Duben seit 2005 leitet, dem Jahr der Eröffnung. In die nächste Klasse steckte Hoff drei Frauen zu den neun Männern. „Das Klima war deutlich entspannter, die Männer verhielten sich höflicher.“

Doch die Mischung der Geschlechter bringe nicht nur gutes Benehmen mit sich. Es sei nicht immer förderlich, wenn ein Mensch mit Problemen auf einen anderen Menschen mit Problemen treffe. „Kommt ein Zuhälter mit einer ehemaligen Prostituierten in Kontakt, dürfen sich keine Abhängigkeitsverhältnisse entwickeln“, sagt Hoff. Zu sexuellen Übergriffen sei es bisher nicht gekommen. „Einmal baggerte eine Gefangene verschiedene Männer an und provozierte Eifersuchtsszenen, die mussten wir aus der Schule nehmen.“

Steffi F. will sich eine Welt ohne Männer nicht vorstellen, auch nicht im Gefängnis. „Ich kann einfach besser mit Männern, ich komme ja aus einer Männerdomäne“, sagt die 31-Jährige und meint das Geschäft mit den Drogen. Mit zehn Kilogramm Cannabis wurde F. erwischt. Es war nicht das erste Mal, nun sitzt sie für knapp fünf Jahre ein. Das erste hat sie diesen Monat hinter sich.

„Am Anfang war ich hier Hausarbeiterin, hab Gänge gewischt und Wäsche gewaschen. Ich war völlig von den anderen abgeschnitten.“ Doch nun ist F., unter derem blauen Anstaltspullover ein Tattoo hervorblitzt, zurück in einer Männerdomäne – sie arbeitet für 200 Euro Taschengeld in der Mitarbeiterkantine als einzige weibliche Servicekraft. „Ich wurde vorher gewarnt: Ich solle mich durchsetzen und nicht unterdrücken lassen.“ Darüber kann F. nur lachen. „Die Männer konnten mich gleich ein bisschen einweisen, wie das mit den ganzen Anträgen und der Straftataufarbeitung funktioniert.“ Im Gegenzug erkundigen sich die Männer über weibliche Neuzugänge. „Genau, ich bin die Quelle.“ F. ist in ihrem alten Element, nur anders.

Dass sie gut zurechtkommt, liegt auch am Umgangston, der zwischen ihr und den männlichen Gefangenen herrscht. „Die scherzen, sagen: ‚Na, Kleene!' Wenn du stänkerst, sagen sie: ‚Fräulein!'“ B. lacht wieder. „Dann bedanke ich mich. Ja, bei ‚Fräulein' fühl ich mich geschmeichelt.“ Auch anderen Frauen ginge das so: „Man freut sich hier über jedes Kompliment, da spielen die Gefühle schon mal Purzelbaum.“

Bevor sie sich auf das Computerzertifikat vorbereitete, hatte sie in der JVA die 10. Klasse nachgeholt, erzählt B. Zwei ihrer Mitschüler verliebten sich. „Wenn man die gesehen hat, war das schon romantisch.“ Mittlerweile sind die beiden entlassen. Noch einmal, zu Weihnachten, schrieb die Frau an B. Dass sie nun 100-prozentig draußen bleibe und den Absprung geschafft habe. Aber über den Freund kein Wort. „Ich glaube nicht, dass so etwas halten kann.“

Skeptisch ist auch Sozialarbeiterin Sabine Schulz, wenn sie bemerkt, dass sich etwas anbahnt. „Ich sage dann: Lernen Sie sich doch erst einmal kennen. Viele, die als Ehepaar reingehen, gelingt es nicht, die Beziehung nach der Haft zu gestalten.“ Hanns Christian Hoff kann sich sogar an eine Ehe erinnern, die im Gefängnis geschlossen wurde. Sowohl Braut als auch Bräutigam saßen eine lebenslange Freiheitsstrafe ab. „Es gab Gäste und einen Kuchen, aber keine Feier im klassischen Sinne, das ist ganz schlimm“, findet Hoff. Meistens seien die Männer die, die verlassen werden. „Sie zwei Jahre, er 13 – wer hält das aus?“

Sabine Schulz will das nicht so stehen lassen und lächelt wie jemand, der an das Gute glaubt. „Es gab auch ein Paar, da kam sie in Therapie und er in den offenen Vollzug, das hat geklappt, die habe ich hier nicht wieder gesehen.“

Steffi F. denkt nicht an Ehe im Knast, aber als Frau möchte sie wahrgenommen werden. „Heute war wieder Einkauf, ich habe mir Haarfarbe bestellt, einen Monat warte ich da jetzt erstmal drauf.“ Zum Bauch-Beine-Po-Training könne sie nicht mehr gehen: Der Kurs wurde geschlossen, es kamen nicht genügend Teilnehmerinnen zusammen.

„Mächtig schick“ macht sich F. zu Lesungen oder Theateraufführungen, eigene Kleidung inklusive. Wilde Knutschereien seien aber verboten. „Ein Kuss auf die Wange, das wars dann auch schon.“ Als das Fernsehen mal einen Tag im Knast drehte und später den Beitrag sendete, bekam sie einen Brief eines Häftlings aus Burg bei Magdeburg. Er hatte sich in F. sprichwörtlich verguckt. „Aber irgendwann hat er dann nicht mehr geschrieben.“

Auch einer aus Duben selbst sei ihr mal eine Weile „hinterhergerannt“. „Der durfte schon nach Hause. Ist nicht schlimm, ich habe andere Sorgen als einen Liebhaber.“ 

Die Namen der Häftlinge und der Sozialarbeiterin wurden auf Wunsch geändert. (Von Juliane Primus)


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