Für die Medien sind Frauen, die ihre Kinder töten, oft Monster, die die Todesstrafe verdienen. Doch hinter den reißerischen Meldungen der Boulevardblätter steht oft eine Kette von tragischen Schicksalsschlägen, menschlichen Enttäuschungen und unglücklichen Zufällen. „Die Menschen haben zu oft, zu schnell eine Meinung. Das ärgert mich“, sagt Regisseur Jan Fehse und versucht in seinem Kammerspiel „Jasmin“ eine vorurteilsfreie Annäherung an eine Kindsmörderin.
Anne Schäfer spielt phänomenal Jasmin, die Frau, die erst ihre Tochter erstickte und sich dann selbst umbringen wollte. Ihr gegenüber sitzt eine Psychiaterin, die ein Gutachten für den bevorstehenden Prozess schreiben soll. Mit streng nach hinten frisierten Haaren gibt Wiebke Puls diese Ärztin, die unerbittlich nachfragt und bohrt. Und Jasmin erzählt – vom geliebten Vater, der früh gestorben ist und für dessen Tod die bösartige Mutter sie verantwortlich machte, von unglücklichen Lieben, Pechsträhnen bis hin zur unheilbaren Herzkrankheit ihrer kleinen Tochter.
Sieben Kameras hat Jan Fehse in diesem schmucklosen Raum aufgestellt, um den beiden Schauspielerinnen die Möglichkeit zu geben, lange Sequenzen durchzuspielen und Spannung aufzubauen, was großartig gelingt. Schließlich sind die beiden erfahrene Theateraktricen. „Jasmin“ ist ein Kammerspiel, das es in seiner Machart und Intensität durchaus mit Romuald Karmakars „Der Totmacher“ aufnehmen kann. Obwohl es nur in einem Raum spielt, ist man gefesselt von diesen Wortgefechten, die sich die beiden liefern.
Am Ende jedoch, nachdem Jasmin ihren langen Leidensweg erzählt hat, entdeckt man bei der Psychologin einen Hauch von Verständnis. Die Täterin ist vor allem Opfer suggeriert uns das und führt automatisch zu ihrer Entlastung. Das kann nicht die Intention des Filmemachers gewesen sein. (Von Claudia Palma)
„Jasmin“, Regie: Jan Fehse, Dauer: 120 Minuten.