RATHENOW/JERCHEL - Die Nacht war klar, der Mond schien hell und die Sicht war gut. Kurt Wollbrügge, Landwirt in Jerchel und seit vielen Jahren Jäger, hat mit großer Wahrscheinlichkeit am 12. Februar dieses Jahres die erste Wolfsbeobachtung im Westhavelland seit mehr als 160 Jahren gemacht. Die meisten Fachleute gehen auch davon aus, dass Wölfe schon hier waren oder durchgezogen sind.
Kurt Wollbrügge selbst hat wegen seiner Beobachtung kein großes Brimborium veranstaltet. Deshalb ist diese Zeitung erst jetzt auf das Ereignis aufmerksam geworden. Es war gegen 22 Uhr, erinnerte er sich, und er sei zu Fuß auf dem Havel-Radweg von Bahnitz her in Richtung Jerchel unterwegs gewesen. Er war auf der Pirsch nach Wildschweinen, hat dann aber plötzlich ganz andere Tiere gesehen. An einer Waldkante entlang, hat Kurt Wollbrügge berichtet, habe er zwei Tiere kommen sehen. Eines vorweg, das andere rund 30 Meter dahinter. Waren das Hunde?
Nein, es waren keine. „Das waren eindeutig Wölfe“, ist der Jercheler sicher. Beide hätten sich in dem typischen lockeren Trab vorwärts bewegt und ihre Nasen ständig nach links und rechts gehalten. Das bedeutet: Sie hatten Hunger. Gegenüber Hunden waren sie viel schlanker und auffällig hell war ihr Fell. Als der vorn laufende Wolf den Radweg erreichte, sagt Kurt Wollbrügge, habe dieser ihn bemerkt und verharrt. Nach einer Schrecksekunde seien beide Tiere in den Wald verschwunden.
Nach dieser Begegnung fiel dem Jäger ein, dass er etwa eine Woche zuvor in der Nähe dieses Ortes Spuren gefunden hatte, von denen er glaubte, dass sie von zwei Hunden stammten. Dann erinnerte er sich, dass es zehn Tage zuvor im Raum Schla-genthin eine Großjagd gegeben hatte. Es gab Berichte, dass die Aufbrüche (entnommene Innereien) der erlegten Tiere sofort weg gewesen seien. Wölfe, die sie fraßen, könnten eine Erklärung dafür sein. Kurt Wollbrügge sah es nicht als nötig an, den Behörden seine Beobachtung zu melden. Er setzte sich aber mit einem Schäfer von Nitzahn in Verbindung, aber der hatte nichts Ungewöhnliches bemerkt.
Er informierte auch Egon Ahrensdorf, den Vorsitzenden des Kreisjagdverbandes Rathenow. Für diesen war die mutmaßlich erste Wolfsbeobachtung keine Sensation. „Wir werden den Wolf früher oder später in unseren Revieren haben“, sagte er dieser Zeitung. Der müsse hier nicht hungern, es gebe reichlich Wild. „Wir möchten, dass der Wolf ins Jagdrecht kommt“, sagte Egon Ahrensdorf. Es gehe keineswegs darum, dass er gejagt werden soll. Notwendig sei nur eine Regelung für den Fall, dass ein Wolf angefahren werde. Dann müsse es rechtlich abgesichert sein, dass ein Jäger das verletzte Tier töten darf.
Klaus Thiele, der Wolfsbeauftragte des Naturschutzbundes für den Landkreis Havelland, erinnerte daran, dass es im Jahr 2010 bei Nauen einen Wolfsnachweis gegeben hat. Ein Jäger habe die Begegnung mit einer Handkamera dokumentiert. In den letzten Jahren habe es immer wieder mal Hinweise auf Wölfe gegeben, sagte Klaus Thiele. Aber das alles werde nicht als Nachweis gezählt. Gegenwärtig liege ihm überhaupt keine Meldung vor.
2010 kam ein einzelner Wolf von Altengrabow her über die B188 auf den Truppenübungsplatz, hat diese Zeitung berichtet. Das wurde registriert, weil er einen Sender trug. Wo das Tier heute ist, weiß man nicht. Im Bereich Vieritz/Schmetzdorf soll in diesem Jahr auch ein Wolf gesehen worden sein, aber mehr war bislang nicht herauszubekommen.
Wie Erik Nagel, Pressesprecher der Kreisverwaltung, nach Rückfrage in der Unteren Jagdbehörde sagte, ist die oben genannte Wolfsbeobachtung von 2010 bei Nauen bislang der einzige wirkliche Nachweis gewesen. Im Jagdjahr 2011/12 hätten einige Jäger eine Sichtung gemeldet, teilte er mit, so am Truppenübungsplatz Klietz, bei Retzow/Pessin und im Raum Nauen/Groß Behnitz. Doch seien keine Spuren gefunden worden, nichts sei bewiesen. (Von Bernd Geske)