BERLIN - Es gab Schwarzweiß-Länder, und es gibt ein Farb-Deutschland. Die Schwarzweißländer, also der Nationalsozialismus, die DDR und die Bonner Republik, waren eher schlecht, im heutigen Deutschland dagegen ist das Meiste gut. So diffus ist das Geschichtsverständnis deutscher Jugendlicher laut einer Studie des Forschungsverbundes SED-Staat der Freien Universität Berlin.
Das allein wäre Grund, eine Debatte über den Geschichtsunterricht zu führen. Problematisch aber ist vor allem etwas anderes: Schüler haben große Probleme, zwischen Diktatur und Demokratie zu unterscheiden. Ein Viertel der Befragten hält den NS-Staat nicht für eine Diktatur, 30 Prozent schätzen die DDR als demokratischen Staat ein. 40 Prozent glauben, die Bundesrepublik von heute sei keine Demokratie. „Das ist erschreckend“, sagt Klaus Schroeder, Haupt-Autor der Studie.
Seine Mitarbeiter befragten 4600 Schüler der neunten und zehnten Klassen in den fünf Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Die anderen elf Länder hatten eine Teilnahme abgelehnt.
Schroeder ärgerte besonders die Weigerung Berlins und Brandenburgs, an der Studie teilzunehmen. Das machte eine vergleichende Forschung unmöglich. In beiden Ländern hatte die Vorgängeruntersuchung zum DDR-Bild von 2007 für Wirbel gesorgt: Das Faktenwissen der Schüler in der Hauptstadtregion war laut Schroeders Forschungen äußerst gering, die Sicht auf die DDR verklärt.
Schroeder sieht einen direkten Zusammenhang zwischen Wissen und Urteilen: Je weniger firm die Schüler in ihren historischen Kenntnissen waren, desto schwammiger wurden ihre Urteile. „Der Einfluss von Kenntnissen auf die Systembeurteilung ist deutlich stärker als etwa die Herkunft der Eltern, die besuchte Schulform oder die Parteipräferenz“, sagt Schroeder. Nur fünf Prozent derjenigen, die sehr viel über die deutsche Zeitgeschichte wissen, gaben an, dass vom Nationalsozialismus bis heute alle Systeme gleichwertig seien. Von den Befragten, die nur sehr geringe Kenntnisse hatten, halten 68 Prozent die Regierungsformen für gleichwertig.
Besonders gering sind die Kenntnisse über die alte Bundesrepublik vor 1989. Die Frage „Wofür steht der Begriff ,Deutscher Herbst’“? beantworteten nur 13 Prozent korrekt mit „Das Vorgehen des Staates gegen den Terrorismus in den 1970er Jahren“. 46 Prozent kreuzten an: „Die letzten Wochen vor dem Fall der Mauer.“ Damit nicht genug: Nur die wenigsten Schüler zögen eine „Verbindung zwischen der alten Bundesrepublik zum heutigen Deutschland“, sagt Monika Deutz-Schroeder, Ko-Autorin der Studie: „Für sie ist das ein armes Land, da gab es keine Handys und kein Privatfernsehen.“
Bei einigen Fragen spielt die Herkunft dann doch eine große Rolle: Kinder von Ost-Eltern haben weit häufiger ein neutrales oder positives Bild der DDR als westdeutsche Schüler. Irritierend aber vor allem ist, dass Schüler aus türkischen, kurdischen und arabischen Familien den Nationalsozialismus weit positiver beurteilen als andere Befragte: Mehr als 15 Prozent von ihnen halten den NS-Staat für ein gutes System, dagegen nur fünf Prozent der westdeutschen und acht Prozent der ostdeutschen Schüler. (Von Jan Sternberg)