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07.07.2012

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„Ich weiß zu wenig“

In Sachsenhausen lernen junge Menschen über den Holocaust / 170 Teilnehmer bei elf Workcamps

ORANIENBURG - Sincer Yucesan schwitzt. „Ich muss jetzt duschen und meine Kleider wechseln“, sagt der 22-Jährige aus Istanbul. Eigentlich habe er keine Lust auf Gartenarbeit. „Wir haben zu Hause einen riesigen Garten mit vielen Bäumen, da gibt es dauernd etwas zu tun.“ Umso mehr ist sein Können gefragt. Er sägt und schneidet die dicken Äste, die anderen tragen sie weg. Der junge Türke ist Teilnehmer des internationalen Workcamps in der Gedenkstätte Sachsenhausen.

Seit Montag sind 14 Teilnehmer des ersten von vier Workcamps in Oranienburg. Sie kommen aus Frankreich, Großbritannien, Italien, Mexiko, Russland, der Slowakei, Südkorea und Tschechien. Während ihres dreiwöchigen Aufenthalts werden sie auch in den Ausstellungen, im Archiv und in der Bibliothek arbeiten sowie Ausflüge unternehmen. Nach der schweißtreibenden Arbeit vom Freitag geht es am Sonnabend nach Potsdam zur Sanssouci-Besichtigung. In Berlin stehen in den nächsten Tagen die Gedenkstätten auf dem Programm.

Vielen Teilnehmern ist es wichtig, während ihres Aufenthalts mehr über die deutsche Geschichte und den Holocaust zu erfahren. „Wir lernen darüber nicht viel. Das ist europäische Geschichte“, sagt die Koreanerin Go Hee Kyong. Die ersten drei Tage an diesem historischen Ort seien für sie schwierig gewesen. „Ich habe mich fürchterlich gefühlt. So viele Menschen sind hierher deportiert worden“, sagt die 20-Jährige.

Claudia Severa empfindet die Umgebung regelrecht belastend. „Manchmal vergisst man, an welchem Ort man sich befindet, wir sind zusammen, wir arbeiten. Aber dann drehe ich mich um, und mir wird wieder klar, wo ich bin“, sagt die 18-jährige Italienerin. „Doch ich bin nicht gekommen, um mich gut zu fühlen.“ Sie wolle mehr über das Lager erfahren. „Ich weiß zu wenig darüber“, sagt sie. Die jungen Leute arbeiten direkt an der Mauer des Lagers, am Eingang zum sowjetischen Speziallager. Sie schlagen eine Schneise ins wild gewachsene Grün, das der Mauer zu nahe gekommen ist. Die abgeschnittenen Äste schleifen sie hundert Meter weit, zerkleinern sie und werfen sie auf die Ladefläche eines Transporters. Die schwüle Hitze lässt sie schwitzen, einige haben schon einen Sonnenbrand bekommen.

Omar Herrera aus Mexiko ist schweißgebadet. Eigentlich ist er nach Deutschland gekommen, um etwas über Kultur, Tradition und Geschichte zu erfahren. Auch ein bisschen deutsch will er lernen. Aber die Arbeit sei schon okay, sagt er und lächelt freundlich.

Chris Coulter gefällt die Arbeit. „Very relaxing“, sagt der 18-Jährige aus Manchester, der Geschichte studieren und während des Workcamps auch etwas lernen will. Über das Dritte Reich habe er als Engländer natürlich viel erfahren. „Aber von den sowjetischen Lagern wusste ich nichts“, sagt der junge Brite.

Die Existenz der sowjetischen Speziallager war auch der Russin Maria Borislowa nicht bekannt. Sie lobt, wie in Sachsenhausen die Erinnerung bewahrt werde.

Die Französin Zoé Tracq ist auch daran interessiert, was Menschen aus anderen Ländern über die Zeit des Nationalsozialismus wüssten. Die Workcamps seien die beste Möglichkeit, solche internationalen Erfahrungen zu sammeln. Schon zum fünften Mal nimmt sie an einem Workcamp teil, diesmal hat die 20-Jährige auch ihren Freund mitgenommen.

Zunächst habe sie Angst gehabt, dass sie der Ort emotional zu stark berühren könnte. Aber das habe sich inzwischen gelegt. Vor allem lobt die junge Frau aus Paris die Arbeit der Gedenkstätte, die die Geschichte sehr anschaulich mache. Das findet auch Igor Dechtár. Er will während des Workcamps vor allem lernen. „Ich wusste nicht, dass es in Deutschland Konzentrationslager gab. Ich dachte, die gab es nur in Polen“, sagte der 22-jährige Slowake.

Das Wissen über den Nationalsozialismus schwindet auch bei jungen Deutschen, sagt Gedenkstätten-Sprecher Horst Seferens. Schülern, die Sachsenhausen besuchen, fehlten oft Grundkenntnisse, um den Ort und seine Geschichte richtig einordnen zu können. Was die Schule versäumt, können die Workcamps im besten Fall nachholen. „Ich habe viel recherchiert und Bücher gelesen“, sagt Sincer Yucesan. „Ich bin sehr neugierig hierher gekommen.“ (Von Klaus D. Grote)


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