MAZ: Herr Baumgärtner, in Brandenburg hat die Neonazi-Terrorzelle NSU nicht gemordet. Warum stellen Sie Ihr Buch in Potsdam vor?
Maik Baumgärtner: Die Lesung soll nicht nur vom NSU handeln. Wir wollen darüber sprechen, was aktuell in der regionalen Neonazi-Szene passiert. Wie aktiv ist sie? Wer engagiert sich dagegen? Wie reagieren die Behörden? Außerdem spielt Brandenburg bei den Ermittlungspannen eine entscheidende Rolle. Bereits 1998 gab ein V-Mann einen Hinweis auf die Terrorzelle an den Landesverfassungsschutz ...
... noch vor dem ersten Mord ?
Baumgärtner: Dieser V-Mann sprach über neue Waffen für weitere Überfälle. Die Brandenburger leiteten die Informationen zwar an die thüringischen und sächsischen Kollegen weiter. Gegenüber der Polizei wollte der Verfassungsschutz jedoch seine Quelle nicht nennen. So konnten die polizeilichen Ermittler nicht aktiv werden.
André E., ein mutmaßlicher Unterstützer, versteckte sich vor seiner zwischenzeitlichen Verhaftung auf dem Hof seines Bruders, einem in Brandenburg lebenden Neonazi. Wie braun ist die Mark?
Baumgärtner: Brandenburg war viele Jahre lang in den Schlagzeilen wegen massiver Neonazi-Strukturen, rechtsextrem motivierter Morde oder der Hetzjagd von Guben. Aber seit einigen Jahren passiert etwas. Verwaltungsmitarbeiter werden weitergebildet. Das Aktionsbündnis Brandenburg baut gezielt zivilgesellschaftliche Strukturen auf und versucht, lokale Gegenproteste anzuleiten. Bei Vorträgen in anderen Bundesländern erwähne ich Brandenburg inzwischen als Positivbeispiel.
Welchen Ansatz verfolgt Ihr Buch?
Baumgärtner: Es ist eine Chronik des NSU. Wir stellen keine wilden Hypothesen auf, sondern erzählen die Ereignisse mit recherchierten Fakten nach. Wir haben Akten ausgewertet, mit zivilgesellschaftlichen Akteuren und Szeneexperten gesprochen. Befragt haben wir auch Ermittler verschiedener Behörden, von einfachen Polizisten bis zu Mitarbeitern des Bundesverfassungsschutzes.
Wie hat sich das Trio zu einer rassistisch mordenden Terrorzelle radikalisiert?
Baumgärtner: Hinter dem Zellenprinzip steht eine übergeordnete Ideologie. Was die Struktur und die Taten angeht, erkennen wir Parallelen zu anderen Neonazi-Terrororganisationen in den USA, Großbritannien und Schweden.
Zum Beispiel?
Baumgärtner: 1999 gab es in London eine Reihe von Anschlägen, die sich unter anderem gegen Migranten richteten. Einer davon wurde mit einer Nagelbombe durchgeführt, auf einem stark frequentierten öffentlichen Platz, um gezielt viele Menschen zu verletzen. 2004 zündete auch der NSU eine solche Nagelbombe in der Keupstraße in Köln. Anscheinend war es das Ziel, dass die Schwerverletzten ihre Wunden ihr Leben lang mit sich tragen. Das gräbt sich in das kollektive Gedächtnis der Migranten-Gemeinschaft ein.
Was wissen Sie über Vorbilder für das Leben im Untergrund?
Baumgärtner: Es geht um „führerlosen Widerstand“, um kleine Zellen ohne hierarchische Strukturen. Maßgeblichen Einfluss hatte „Combat 18“, der bewaffnete Arm des weltweit größten Neonazi-Musiknetzwerks „Blood and Honour“. Anfang der 90er Jahre führten „Combat 18“- Aktivisten im Anhang von „Blood and Honour“-Bands unter anderem mit Thüringer Neonazis Strategiegespräche. Die drei späteren Terroristen waren zumindest bis 1998 Teil des Musiknetzwerks. Sie sind in einer Zeit ideologisch sozialisiert worden, als diese Terrorismus-Konzepte in der deutschen Neonazi-Szene großen Anklang fanden.
Welche Rolle spielt das thüringische Jena, wo Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos aufwuchsen?
Baumgärtner: Ihre Biografie unterscheidet sich nicht wesentlich von der vieler anderer ostdeutscher Wendejugendlicher. Allerdings gab es mit dem Thüringer Heimatschutz eine Struktur, die einem kleinen Neonazi aus einer Stadt wie Jena einen großen Überbau und das Gefühl gegeben hat, man sei Teil einer großen Sache. Die Thüringer Neonazis waren eingebunden in ein Kameradschaftsnetzwerk mit deutschland- und europaweiten Kontakten.
Was war das Besondere am Thüringer Heimatschutz?
Baumgärtner: Die Szene war militant und gut organisiert. Kameradschaftsführer Tino Brandt erhielt als V-Mann Geld vom Verfassungsschutz, womit die Aktionen finanziert wurden. Brandt, von den Behörden protegiert, beging Dutzende Straftaten, aber er musste nie ins Gefängnis.
Warum tauchte das Trio ausgerechnet in Zwickau unter?
Baumgärtner: Wegen politischer und privater Kontakte. Sachsen war Schwerpunkt von „Blood and Honour“, dem sozialen Umfeld des Trios. Zu diesem Zeitpunkt war das Neonazi-Musiknetzwerk die einzige Organisation in Deutschland, die in der Lage gewesen ist, ein Untertauchen zu ermöglichen. „Blood and Honour“ arbeitete konspirativ, organisierte illegale Konzerte und vertrieb die Musik im Untergrund.
Wie gestaltete sich der Alltag der Drei nach dem Untertauchen?
Baumgärtner: Banal, fast spießig. Das Trio trieb Sport und fuhr regelmäßig zum Campen nach Fehmarn an die Ostsee. Sie knüpften dort langjährige Urlaubsbekanntschaften. Zschäpe war die Gesellige, die mal mit den Nachbarn einen Sekt trank. Im Urlaub verwaltete sie das Geld. Das Trio bezahlte stets in bar. Mundlos und Böhnhardt waren eher zurückhaltend. Trotzdem pflegten sie eine sehr merkwürdige Form von Untergrund, etwa indem sie sich mit ihren Bekannten E-Mail-Adressen austauschten und sich fotografieren ließen.
Wie groß war der Kreis der Unterstützer?
Baumgärtner: Es gibt offensichtlich über ein Dutzend Unterstützer. Unserem Eindruck nach hat sich das Trio gezielt solche ausgesucht, die zwar noch ideologisch auf Linie waren, von denen sie jedoch sicher sein konnten, dass sie nicht von Behörden verfolgt wurden.
Sie haben mit Hinterbliebenen der Mordopfer gesprochen, die bis auf einen Fall allesamt einen Migrationshintergrund haben. Sie finden kaum öffentliches Gehör. Welchen Eindruck hatten Sie?
Baumgärtner: Den Opferfamilien wurde das Trauern genommen, indem sie selbst in den Fokus der Fahnder rückten. Jahrelang wurde ihnen vorgehalten, es handele sich um organisierte oder „Ausländerkriminalität“. Als die Morde aufgeklärt wurden, haben die Hinterbliebenen das aus den Medien erfahren. Kein Anruf der Fahnder, keine Entschuldigung. Das ist traurig.
Warum sind die Ermittler der Terrorzelle nie auf die Spur gekommen?
Baumgärtner: Sie haben von Anfang an einen Rahmen gehabt und versucht, darin die Puzzleteile einzufügen. Die Ermittler haben fast nie daran gedacht, diesen Rahmen größer zu fassen oder umzudrehen. Dementsprechend haben sie nur die Teile gesucht, die hineinpassen.
Aber es gab doch Ermittlungsansätze in die richtige Richtung.
Baumgärtner: Ja, aber die haben sich nicht durchgesetzt. Während unserer Recherchen sagte eine Politikerin treffend: Deutschland sei ein interkulturelles Entwicklungsland. Die Ermittler haben festgefahrene Bilder über migrantische Milieus in ihren Köpfen, etwa das des patriarchischen türkischen Familienvaters, der seine Frau schlägt und den ganzen Tag im Teehaus sitzt. Ermittler sind auf ihre Erfahrungen angewiesen. Wenn diese jedoch auf Klischees beruhen, kann nicht objektiv ermittelt werden.
Was sagen die Morde über unsere Gesellschaft aus?
Baumgärtner: Die Terroristen werden häufig als verrückte Einzeltäter dargestellt, obwohl rassistische Einstellungen gesellschaftlich anschlussfähig sind. Selbst die NPD versucht sich von der Terrorzelle abzugrenzen, indem Parteifunktionäre von einer „Verfassungsschutz-Blase“ und „inszeniertem Staatsterror“ sprechen. Dabei handelten die Täter aus Hass auf Migranten. Diese Einstellung teilen nicht nur NPD-Wähler. Die Politik sollte stärker ins Gedächtnis rufen, dass Deutschland eine Einwanderungsgesellschaft ist.
Der Staat reagiert doch mit Razzien und Verboten.
Baumgärtner: Repression ist immer gut, um künftige Aktionen zu verhindern. Das zeigt das Verbot der „Widerstandsbewegung Südbrandenburg“, deren Anhänger unter dem populären Namen „Spreelichter“ auftraten. Aber das reicht nicht. Politik und Behörden müssen ihre Sichtweise ändern. Neonazis sind gut vernetzt. Statt einzelner Gruppen müssen Strukturen als Ganzes in den Fokus rücken.
Ein Abend für die Opfer: Baumgärtner liest in Potsdam
Maik Baumgärtner, geboren 1982, lebt und arbeitet als freier Fachjournalist und Autor in Berlin. In den Themenfeldern Demokratiefeindlichkeit, Rechtsextremismus, Rechtspopulismus, Rassismus und Diskriminierung, arbeitet er international für Print- und Onlinemedien, Radio, Fernsehen und Stiftungen. Veröffentlichungen und Mitarbeit an verschiedenen Publikationen und Broschüren zum Thema Rechtsextremismus.
In Potsdam werden Baumgärtner und Marcus Böttcher am 4. September (18:30 Uhr) im T-Werk zur Premiere ihres Buches „Das Zwickauer Terror-Trio. Ereignisse, Szenen, Hintergründe“ aus dem Werk lesen.
Die Veranstaltung, an der auch der Politologe und Rechtsextremismusforscher Hajo Funke teilnimmt, trägt den Titel „Ein Abend in Verbundenheit mit den Opfern des NSU. Erinnern – aufklären – verändern.“
Der Kartenvorverkauf läuft bereits im Internet (www.t-werk.de). Die Eintrittsgelder werden verwendet für eine unabhängige Beobachtung des Prozesses gegen Mitglieder und Unterstützer des NSU.
Nach der Lesung gehen Ferda Ataman, Journalistin und Vorstandsmitglied des Vereins Neue Deutsche Medienmacher, Kay Bolick, Gewaltopfer-Beraterin bei Lobbi e.V, und der Opfer-Anwalt Yavuz Narin der Frage nach: „Warum hieß es ,Döner-Morde’ und ,Soko Bosporus’?“.
Ein Konzert von Bejaranos und der Microphone Mafia beschließen den Abend. Esther Bejarano überlebte die Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück. Mit ihren Kindern Joram und Edna singt sie jiddische Widerstandslieder. Die Microphone Mafia ist eine türkisch-italienisch-deutsche Rapgruppe aus Köln-Mühlheim, wo 22 Menschen durch ein Bombenattentat des NSU verletzt wurden. bp
Mehr im Internet unter www.aktionsbuendnis-brandenburg.de