BERLIN - Sein Obama-Plakat ist eine Ikone: Das großformatige Bild, das den angehenden US-Präsidenten zwischen Wolkenkratzern und Gebirgsketten in die Zukunft blicken lässt, gestaltete der Künstler Shepard Fairey zunächst auf eigene Faust. Das in den Nationalfarben Rot, Weiß und Blau gehaltene Motiv entwickelte sich jedoch schnell zum Höhepunkt von Obamas „Hope“-Kampagne. Fairey wurde damit zum Star der politischen Street-Art-Szene. Jetzt gestaltete er mit seinem Studio Numer One ähnliche Plakete, die an Berliner Häuserfronten geklebt wurden.": „Non Toxic Revolution“ (giftfreie Revolution) schreit ein riesiges Schwarz-Rot-Poster von der Außenfassade des Bikini-Hauses am Bahnhof Zoo.
In einer Guerilla-Aktion wurden jüngst großformatige Kopien seiner Werke an Häuserfronten in ganz Berlin geklebt. Sechs Motive zeigen, wie sich Giftstoffe im Alltag in den Körper schleichen: über den Körper (eine Frau schminkt sich, aus dem Spiegel blickt ein Totenschädel zurück) oder den Mund (eine personalisierte Pfanddose mit Monsterlippen hält in der einen Hand eine Kippe, in der anderen eine Zuckertüte). Das Projekt ist Teil der gemeinnützigen „Keep A Breast“-Initiative zur Brustkrebsvorsorge, für die schon Stars wie Katy Perry oder Susan Sarandon ihre Brüste in Gips gießen ließen.
Ergänzend eröffnete eine Fairey-Ausstellung in der Berliner Strychnin-Galerie. Mit den Slogans „Wall Street: Shoplifters Welcome“ (Diebe willkommen); „Save Petrol, Burn Cars“ (Spare Benzin, verbrenne Autos“) oder „He served us well“ (Er hat uns gut gedient) malt Fairey ein Panoptikum von politischen Reizthemen in den USA, von Klimapolitik über Afghanistankrieg, Finanzkrise bis zur Occupy-Bewegung. Die Gesundheitsreform ist indirekt vertreten über die Plakate zur giftfreien Revolution.
Im öffentlichen Raum wie in der Galerie: Fairey hält sich an schlichte Zeichnungen in den Alarmfarben Rot und Schwarz. Die agitatorische Aussage geht über künstlerische Finesse. An der Doppel-Ausstellung zeigt sich das Dilemma erfolgreicher Street Art: Guerilla-Aktionen, die von einer Riesenwerbekampagne begleitet werden, verlieren ihren Charakter. Ist Street Art erstmal im Museum angelangt, ist es eben keine Straßenkunst mehr. Und wenn das Hope-Plakat erstmal in der National Portrait Gallery in Washington hängt, wie Obama im Weißen Haus sitzt, hat sich die Hoffnung dann nicht schon im Konsens verwässert? (Von Nina May)
Strychnin-Galerie, Boxhagener Straße 36, Berlin-Friedrichshain; bis 4. August; www.strychnin.com